Zeitung Heute : Versuchslabor mit Vorbildfunktion

Vor drei Jahrzehnten entstand die Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung.

Julia Rudorf
Demonstration britischer Suffragetten um 1905: Die Geschichte politischen Handelns von Frauen – wie hier für das allgemeine Frauenwahlrecht – wird auch an der Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung untersucht. Foto: picture alliance
Demonstration britischer Suffragetten um 1905: Die Geschichte politischen Handelns von Frauen – wie hier für das allgemeine...Foto: picture-alliance / akg-images

Es war Anfang der Achtzigerjahre, in der Bundesrepublik demonstrierten Hunderttausende gegen Pershing-II-Raketen und Atomkraftwerke, und der Bundeskanzler hieß Helmut Schmidt. In seinem Kabinett gab es keine einzige Frau, und auch an den Universitäten waren Frauen in Lehre und Forschung selten vertreten. Dass das nicht so bleiben konnte, war unter Studentinnen und Dozentinnen an den Hochschulen unbestritten. Besonders an der Freien Universität wurde die Frauenfrage diskutiert und engagiert um Antworten gestritten. Gleichberechtigung wurde auch in Forschung und Lehre eingefordert und eine Diskriminierung von Frauen in akademischen Strukturen immer weniger toleriert. An der Freien Universität entstanden Netzwerke von Wissenschaftlerinnen und Studentinnen, die den Grundstein für die in dieser Zeit gegründete Zentraleinrichtung für Frauen- und Geschlechterforschung legten.

Ein weiterer Impuls kam aus der Politik: Das Abgeordnetenhaus von Berlin hatte 1978 den Auftrag erteilt, die Möglichkeit auszuloten, an der Freien Universität einen wissenschaftlichen Forschungs- und Studienschwerpunkt über Frauenfragen einzurichten. Wie so eine Einrichtung konkret aussehen sollte, erarbeitete eine Planungsgruppe. Keine leichte Aufgabe, wie sich Ulla Bock, die heutige Geschäftsführerin der Zentraleinrichtung, erinnert: „Es gab damals kein Vorbild dafür, wie die Frauen- und Geschlechterforschung an Universitäten institutionalisiert werden konnte. Die Aufgaben der Einrichtung mussten erst definiert und konkretisiert werden.“

Zwar hatte die Emanzipationsbewegung die Hochschule erreicht. Doch wohin die Bewegung genau gehen sollte, das war anfangs noch nicht ganz klar: „Alles, was irgendwie mit Frauen zu tun hatte, wurde an uns herangetragen: Es ging um sexuelle Belästigung ebenso wie um Gleichstellung und Lehre in der Geschlechterforschung. Eine völlig undifferenzierte Aufgabenstellung also, die wir erst noch klar umreißen mussten.“ Damals war es eine der Hauptaufgaben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Bedeutung des Themas Frauen- und Geschlechterforschung zu vermitteln.

Derzeit geht es vor allem um die Organisation von Vorlesungsreihen, Tagungen, Publikationen und Studienangeboten sowie die Erweiterung einer Bibliothek. Mit der Gründung der Zentraleinrichtung war die Freie Universität Berlin eine der ersten Hochschulen in der Bundesrepublik, die sich verpflichtete, Nachwuchswissenschaftlerinnen zu fördern und die Frauen- und Geschlechterforschung voranzubringen.

Damit übernahm die Einrichtung damals eine Vorreiterposition in Sachen Frauenförderung. Das schlug sich auch in den Lehr- und Forschungsinteressen der Studierenden nieder: Pro Jahr werden an der Freien Universität knapp 100 Lehrveranstaltungen zum Thema Frauen- und Geschlechterforschung angeboten. Allein in den ersten zehn Jahren des Bestehens zählte die Zentraleinrichtung 1850 Magister- und Diplomarbeiten zur Frauen- und Geschlechterforschung. Eine große Zahl und eine, die vermutlich ein Rekord sein dürfte – selbst in einer Zeit, in der Ministerinnen und eine Bundeskanzlerin selbstverständlich sind.

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