Zeitung Heute : Vertrauensfrage

Wie eine ganze Stadt in Thüringen von der Anlagefirma Phoenix betrogen wurde

Marc Neller[Schmalkalden]

Dieter Kettner mag klare Linien. Die Kissen stehen in Reih und Glied auf dem Wohnzimmersofa, Handkantenfalte in der Mitte. Die Möbel im fünften Stock des Plattenbaus stehen parallel oder in rechten Winkeln zueinander. Kettner blättert in einem roten Aktenordner. Er sucht das Diagramm mit jener Linie, an die er geglaubt hat. Dieser Glaube hat ihn viel Geld gekostet.

Dieter Kettner wird 71, er sieht jünger aus. Als es die DDR noch gab, arbeitete er beim Amt des Kreises, später beim Landratsamt in der Gewerbeaufsicht. Dann, 1994, wurde der Kreis aufgelöst, Gebietsreform. Ein alter Bekannter aus der Verwaltung meldete sich und riet Kettner, das Geld in einem Aktienfonds anzulegen. Kettner hörte auf ihn. Lange stieg der Kurs, ab 1999 fiel er. Mit 15 Prozent Verlust stieg Kettner aus. Der Bekannte tauchte wieder auf. Er arbeitete inzwischen bei „ProIndex“, einer Anlagefirma. Er vertreibe da eine neue Anlage: Phoenix Kapitaldienst GmbH aus Frankfurt am Main, sagte der Bekannte; dieses Mal eine ganz sichere Sache.

Kettner hat jetzt die steigende Diagonale gefunden. Sie zeigt den Gewinn, mit dem Phoenix warb. Bis zu 43 Prozent Rendite. Vor drei Jahren ließ Kettner 5000 Euro von seinem Sparkassen-Konto abbuchen. Mitte März dieses Jahres kam dann ein Brief von „ProIndex“. Das ganze Geld sei weg, 600 Millionen Euro insgesamt, also auch die 5000 Euro von Kettner, hieß es darin. Der Phoenix-Chefhändler habe die Ergebnisse manipuliert und die Kontounterlagen gefälscht. „Wir bedauern dies außerordentlich.“ Kettner ist nicht der Einzige in der Gegend, der in einem Brief bedauert wurde. Das „Handelsblatt“ schrieb, die Phoenix-Pleite sei der größte Finanzskandal seit dem Konkurs der Betrugsfirma Flowtex. In Südthüringen ist der Schaden besonders groß: 100 Millionen Euro sollen dort verloren gegangen, 10000 Anleger betroffen sein. Allein in Schmalkalden haben mindestens 3000 Menschen investiert, bei nicht einmal 18000 Einwohnern. Fast jede zweite Familie ist betroffen.

Auch Helmut Richter hat Geld verloren, viel Geld. Er hat ein breites rosiges Gesicht, seine weißen, welligen Haare sind perfekt geföhnt. Er ist 77 und wirkt nicht wie jemand, der sich etwas vormachen lässt. Er war in der SED und Staatskundelehrer an der Fachschule. Nach der Wende wurde er entlassen. Er sagt: „So ist das halt.“ Es geht ihm noch nah. Aber das Ende der DDR ist das eine, der Verlust von 50000 Euro das andere. Es war seine Altersvorsorge. Richter fürchtet den Spott derer im Ort, die ehemalige Parteigenossen verachten. Richter ist nicht sein wirklicher Name. Er sagt: „Meine Frau hat mich gedrängt.“ Ein Freund habe in kurzer Zeit sagenhaftes Geld verdient. „Alle hängen drin“, sagt er, „Ärzte, Beamte, Handwerker, Unternehmer.“ Es scheint, als besänftige ihn das. Er ist nicht allein. Ein Freund hat 100000 Euro verloren.

Vom alten Schloss aus blickt man auf ein Tal, in dem sternförmig Schmalkalden liegt. Viele der Fachwerkhäuser in der Innenstadt sind frisch getüncht. Es ist eine wohlhabende Gegend, die Arbeitslosenquote liegt bei 12 Prozent, niedriger ist sie nirgends in den neuen Ländern. Das lässt ahnen, warum die Anlageberater sich diesen Landstrich ausgesucht haben. Es erklärt nicht, warum Häuslebauer und Geschäftsleute so viel aufs Spiel gesetzt haben. Man sagt den Menschen aus dieser Gegend nach, sparsam zu sein, sehr bodenständig und – misstrauisch.

Nur nicht gegenüber Freunden. „Deswegen hat das Schneeballsystem hier so gut funktioniert“, sagt Günter Pfaff. „Jeder kennt hier jeden.“ Pfaff arbeitet in der Verbraucherzentrale. Vieles, sagt er, sei über alte Seilschaften gelaufen: frühere Kollegen aus dem ehemaligen Werkzeugkombinat, alte oder neue Parteigenossen; Freunde aus dem Wanderverein oder dem Fußballclub. „Überall war die tolle hohe Rendite Gesprächsthema.“ Pfaff kennt diese Seilschaften. Er war FDJ-Sekretär und in der Partei bis 1985. Einige Genossen von damals haben die Phoenix-Anlagen vertrieben; etliche wurden Anleger. Jetzt spricht kaum noch einer in Schmalkalden offen über Phoenix. „Ein wenig verwunderlich“, sagt Bernd Gellert, „ist das schon“. Vor kaum einem Jahr haben gegen ihn, den Bürgermeister, 7000 Menschen demonstriert, weil sie nicht die Beiträge für Wasser und Abwasser bezahlen konnten oder wollten. Jetzt haben viele, die demonstrierten, alles verloren. Haus, Geschäft, Hof. „Man merkt es an manchen Ecken schon jetzt, dass das Geld fehlt, um einzukaufen oder Rechnungen zu bezahlen“, sagt Gellert.

Phoenix, der Feind, hat hier kein Gesicht. Es gibt nur die Gesichter derjenigen, die Phoenix empfohlen haben – die Gesichter von Freunden, Vereinskollegen, Nachbarn. Das erschwert Schuldzuweisungen. Dabei gab es Warnungen vor Phoenix, nicht nur von der Verbraucherzentrale. Niemand hörte darauf.

Langsam lässt der Schock nach, Wut regt sich. Ein paar Freundschaften, so hört man auf dem Marktplatz, seien schon zerbrochen. „Ich will mir nicht ausmalen, was passiert, wenn niemand sein Geld zurückkriegt“, sagt Günter Pfaff. Im Moment aber gebe es zumindest für die Kleinanleger noch Hoffnung, etwas aus der Phoenix-Insolvenzmasse zu bekommen. 250 Millionen Euro sollen sichergestellt worden sein. Vergangene Woche wurden die Geschäftsführerin und ein Prokurist wegen Verdachts auf Betrug verhaftet.

Zwei Firmen gab es, die in Schmalkalden die Phoenix-Anlagen vertrieben haben: „ProIndex“ und „Innofinanz“. Im Innofinanz-Büro, fünf Gehminuten vom Zentrum entfernt, sucht eine Mitarbeiterin in einem Karton nach Unterlagen, der ganze Raum ist voll mit Kartons, auf allen steht „Phoenix“. Die Mitarbeiterin blickt nur kurz auf und fragt erst gar nicht, warum man gekommen ist. „Wie viel haben Sie verloren?“

Der Chef ist außer Haus, ein Termin. Sie kann ehrlich sein. „Ich glaube nicht, dass irgendwer in Schmalkalden noch Geld zurückbekommt. Meine Mutter und ich haben auch angelegt.“ Außer dem Geld ist auch sie ihre Stelle los. Der Chef hat seine sechs Mitarbeiter entlassen. Sie arbeitet vorübergehend für 148 Euro im Monat. Sie sagt: „Es muss ja weitergehen.“ Das sieht ihr Chef auch so. Er wirbt jetzt mit einem neuen Top-Angebot. Schiffsbeteiligungen. Die jährliche Ausschüttung, so steht es in der Eigenwerbung, betrage bis zu 20 Prozent.

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