Zeitung Heute : Vertrauter Feind

War es wieder Al Qaida? Beim Anschlag in Riad sterben Dutzende Menschen – vor allem westliche Ausländer. Saudi-Arabiens Herrscher sind Partner der USA.Aber in dem Golfstaat ist auch Osama bin Laden groß geworden. Und seine Anhänger sind Gegner des Westens.

Andrea Nüsse[Amman]

TERROR IN SAUDI-ARABIEN

Eigentlich sollte gerade ein neues Kapitel in den amerikanisch-saudischen Beziehungen beginnen. Der Abzug der etwa 5000 US-Soldaten aus Saudi-Arabien, den US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Ende April bekannt gab, sollte die islamische Opposition in dem Golfstaat besänftigen. Der Weg für eine Normalisierung der bilateralen Beziehungen sollte damit frei gemacht werden.

Die Anwesenheit amerikanischer Soldaten in dem Land, das die zwei heiligsten Stätten des Islam beherbergt, war für viele Saudis stets ein Stein des Anstoßes. Vor diesem Hintergrund genossen Osama bin Laden und seine Gefolgsleute, deren Kampf sich zunächst jahrelang gegen das eigene Königshaus und die US-Präsenz im Lande richtete, die Sympathien eines Großteils der saudischen Bevölkerung. Erst später wurde der Kampf ausgeweitet und richtet sich nun auch gegen amerikanische Interessen weltweit. Die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 sind die bisher schwersten Anschläge bin Ladens. Amerika empfand es als zusätzlichen Schock, dass 15 der Attentäter saudische Staatsbürger waren – Bürger eines wirtschaftlichen und militärischen Verbündeten. Seither sind die Beziehungen gespannt, auch wenn US-Präsident George W. Bush sich mit der öffentlichen Kritik bewusst zurückhielt, solange man noch auf Saudi-Arabien angewiesen war.

Sicherung der Macht

Das Interesse Amerikas galt der Sicherung des saudischen Ölflusses und der Nutzung saudischer Militärbasen, auf denen seit dem Golfkrieg von 1991 US-Soldaten stationiert sind. Das saudische Königshaus versprach sich von der Präsenz der US-Truppen eine Sicherung der eigenen Macht im Krisenfall. Doch die Allianz wurde mit der Zeit für beide Seiten unheimlich. Es wurden immer wieder Anschläge auf Amerikaner in Saudi-Arabien verübt. Bei einem Bombenanschlag in Khobar im Osten des Landes 1996 starben 19 US-Soldaten, ein Jahr zuvor waren bereits mehrere Menschen bei einem Selbstmordanschlag auf eine US-Militäreinrichtung in Riad getötet worden. Immer wieder gab es Anschläge auf einzelne Amerikaner, die in Saudi-Arabien unterwegs waren. Zuletzt am 1. Mai war ein US-Bürger auf dem Marinestützpunkt in Jubail angeschossen worden. Außerdem wurde die Allianz mit Saudi-Arabien, das eine extrem konservative Form des Islam vertritt und diese über Wohltätigkeitsorganisationen in die Welt exportiert, seit dem 11. September starker Kritik in den USA selbst ausgesetzt. Und statt den Thron des Hauses Saud zu sichern, stellten die US-Truppen zunehmend einen Faktor der internen Destabilisierung dar. So ist es wahrscheinlich, dass die Entscheidung, die Soldaten bis auf ein kleines Kontingent nach Katar zu verlegen, in beiderseitigem Einverständnis getroffen wurde.

Umso überraschender scheinen jetzt die Anschläge auf die drei Wohnkomplexe westlicher Ausländer in Riad zu kommen – zu einem Zeitpunkt, da der Abzug der US-Truppen aus Saudi-Arabien beschlossene Sache ist. Dies ließe sich einmal damit erklären, dass Al Qaida seinen Kampf längst ausgeweitet hat. Bei den Anschlägen könnte es sich daher um die erste Reaktion auf die amerikanische Invasion im Irak handeln, die von Al Qaida sowie von den meisten Menschen in der arabischen Welt abgelehnt wurde. Es könnte jedoch auch sein, dass die Selbstmordanschläge eine Warnung an die saudischen Behörden sind. Beobachter hatten erwartet, dass Riad härter gegen militante Islamisten vorgehen würde, sobald das Regime sich nicht mehr des Vorwurfs erwehren muss, es habe „ungläubige“ US-Soldaten ins Land geholt. Einen Vorgeschmack davon gab es in der vergangenen Woche, als eine Schießerei zwischen der Polizei und Islamisten zu einer Menschenjagd in Riad führte. Entdeckt wurde eine Zelle von Al Qaida, teilte der Innenminister mit. Gefunden wurden dabei 377 Kilo Sprengstoff, 55 Handgranaten, 2500 Schuss Munition sowie Verkleidungen. Der Minister versprach Belohnungen für Hinweise, die zur Ergreifung der namentlich bekannten Flüchtigen führen.

Kampfaufruf im Internet

Die Reaktion kam prompt. Drei saudische Geistliche, die von den Behörden gesucht werden, warnten im Internet Muslime davor, ihre Glaubensbrüder an „Kreuzfahrer“ auszuliefern. Die islamistische Gruppe „Mudschaheddin“ forderte ebenfalls im Internet ihre Anhänger auf, „amerikanische Interessen an Land, auf See und in der Luft anzugreifen und zu zerstören“ als Reaktion auf das Vorgehen der saudischen Polizei in der vergangenen Woche gegen militante Islamisten. Und in der E-Mail, in der sich Al Qaida zu den Anschlägen in Riad bekannte, heißt es ausdrücklich, die Attentate hätten auch durch den jüngsten Waffenfund der Polizei nicht verhindert werden können. So könnten diese Anschläge ein erster Hinweis darauf sein, dass paradoxerweise mit dem Abzug der US-Truppen die Konfrontation zwischen Regime und extremistischen Islamisten erst richtig losgeht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben