Zeitung Heute : Vervolkt

Seit sie die Partei „Wir sind das Volk“ gegründet haben, ist ein Streit um den Slogan entbrannt. Wilfried-Hassan Siebert und Hans Müller verstehen die Aufregung nicht. „Wir sind ja nicht wir“, sagen sie, „wir sind das Volk.“ Alles klar? Es ist noch viel verrückter.

Staatsoberhaupt aller Deutschen? Bundespräsident Joachim Gauck ist in den Augen der so genannten „Reichsdeutschen“ nicht legitim gewählt. Foto: Uli Deck/dpa
Staatsoberhaupt aller Deutschen? Bundespräsident Joachim Gauck ist in den Augen der so genannten „Reichsdeutschen“ nicht legitim...Foto: picture alliance / dpa

Der Weg in einen neuen deutschen Staat führt durch das Badezimmer von Hans Müller. Vorbei an Waschschränkchen und Wanne. Dahinter liegt ein dunkler Raum, sechs Quadratmeter vielleicht. Gefüllt mit Aktenordnern, Gesetzestexten, Sachbüchern. Es sind Devotionalien des Zweifels.

Hier, im bläulichen Widerschein eines Computerbildschirms, sitzen Wilfried-Hassan Siebert und Hans Müller, 56 und 87 Jahre alt, der Generalsekretär und das Ehrenmitglied der deutschen Volkspartei „Wir sind das Volk“ (WSDV). Die beiden Männer haben in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt, weil sie den Leipzigern ihren Revolutionsruf gestohlen haben sollen. Großes Entsetzen. Rechtspopulistische Splitterpartei sichert sich Wendeslogan, hieß es in den Medien. Als sie sich vor ein paar Wochen für die Kommunalwahl in Norderstedt aufstellen ließen, wurden auch die Jusos aufmerksam und warnten vor einer „rechten Partei“ mit fremdenfeindlichen Inhalten.

Siebert und Müller sehen nicht wie Rechtsradikale aus. Wie Volksvertreter allerdings auch nicht. Sie selbst bezeichnen sich als die zwei politischen Musketiere. Sind sie das Volk? Und wenn ja, warum eigentlich?

Zur Begrüßung hastige Blicke. Müller schweigt, Siebert spricht. „Wir wollen dort weitermachen, wo die anderen damals aufgehört haben“, sagt er, gemeint sind die in Leipzig 1989. „Wir wollen endlich Frieden für Deutschland.“

Die WSDV gilt als Teil einer politischen Strömung sogenannter Reichsdeutscher. Das bedeutet: Siebert und Müller in ihrer Parteizentrale in Norderstedt bei Hamburg erkennen die BRD nicht an. Sie sagen, das ist alles Betrug. Und sie sagen, sie hätten Beweise. Können sie die Sache mit der BRD als groß angelegtem Bluff tatsächlich erklären?

Die Beweisführung beginnt unmittelbar. Sofort hinein in die deutsche Frage. Worte werden von Siebert durch Sätze gehetzt. Als er fertig ist, hat er das Parteiprogramm der WSDV mit den vergangenen 70 Jahren deutscher Geschichte verwoben, unsichtbare Linien zwischen den Waffenstillstandsgesetzen, Zwei-plus-Vier-Verträgen und Franz Josef Strauß gezogen, hat Carlo Schmid, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Franz Müntefering auf- und wieder abtreten lassen. Er schwitzt jetzt ein bisschen. „Gar nicht so einfach, die Arbeit von fünf Jahren in fünf Minuten zu erklären“, sagt er. In Norderstedt hängt alles mit allem zusammen.

Angefangen hatte es bei Kaffee und Kuchen. Müller und Siebert lernten sich bei einem Treffen ehemaliger Mitarbeiter ihrer Firma kennen. Müller war Pförtner, Siebert Werkzeugmechaniker. Man tauschte sich aus, politische Runde, Männergespräche, Kaffeesätze. „Und irgendwann sagte der Herr Müller, Deutschland habe keinen Friedensvertrag.“ Das hat er dem Herrn Müller damals natürlich nicht geglaubt. „Ich habe dann versucht, ihm das Gegenteil zu beweisen. Politik ist ja mein Steckenpferd.“ Er las sich ein, schaute in Bücher und fand statt der erhofften Beweise nur Spuren einer großen Verschwörung. „Deutschland ist immer noch besetzt“, sagt Siebert.

„Weil es nie einen Friedensvertrag gegeben hat“, sagt Müller. Dabei lässt er die Worte auf den letzten Silben schleifen, als hinkten sie, versehrte Gedanken.

Müller: „Den Friedensvertrag hat Adenauer abgelehnt.“

Siebert: „Hat Kohl abgelehnt.“

Müller: „Die Siegermächte haben das auch abgelehnt.“

Einen Staat ohne Friedensvertrag, das kann es nicht geben. Deshalb gründeten sie am 12. Mai 2012 die WSDV. „Die Bundesrepublik ist ein Verwaltungskonstrukt, eine GmbH“, sagt Siebert. Das wollen sie ändern. Wie das innerhalb einer GmbH gehen soll, sagen sie nicht. Aber dass die Deutschen nur Angestellte sind, sei einfach nicht hinnehmbar.

„Personalausweis, das sagt doch schon alles.“ Findet Siebert. Findet auch Müller: „Was sind Sie denn: Person oder Personal?“ Siebert wartet kurz, schaut, ob das Gesagte die erhoffe Wirkung entfaltet: „Ja wo leben wir denn? In einer Spiegelmatrix.“

Wilfried-Hassan Siebert bezieht seit etwa drei Jahren eine Erwerbsminderungsrente. Die Folgen eines Hirnschlages und Multiple Sklerose beeinträchtigen ihn. Er arbeitet nicht mehr, obwohl er gerne würde, für ihn stellt es sich so dar: Man lässt ihn nicht. Nun betrachtet er die Gesellschaft vom Rand aus. Vielleicht ist die Sicht von hier aus besser, vielleicht hat er sich aber auch zu weit entfernt.

Siebert, Steckenpferd Politik, versteht die Aufregung um ihn und seine Partei nicht: „Wir sind ja nicht wir. Wir sind das Volk“, sagt er.

Schöner Satz. Aber auch Teil einer großen Verwirrung. Dabei hat Hans Müller und Wilfried-Hassan Siebert das Bedürfnis nach Ordnung zusammengeführt. Müller, im Zweiten Weltkrieg bei der U-Bootwaffe, und Siebert, früher Waffenmechaniker bei der Bundeswehr. Was sie über ihren Staat in Erfahrung gebracht haben, erfüllt dieses Bedürfnis nicht.

Jetzt öffnet Siebert am Rechner sitzend ein Youtube-Fenster. „Das ist kein Spinnkram was wir hier machen“, sagt Müller. Andere sagten es doch auch. Auf dem Bildschirm hält Wolfgang Schäuble eine Rede: „Wir waren seit 1945 zu keiner Zeit souverän.“ Siebert öffnet ein weiteres Video. Eine große Sammlung solcher Videoschnipsel haben die beiden auf ihrem Computer. Diesmal Sigmar Gabriel: „Ich sage euch, wir haben gar keine Bundesregierung. Wir haben Frau Merkel als Geschäftsführerin einer neuen Nichtregierungsorganisation in Deutschland.“ Applaus der Genossen.

„Da klatschen die noch drüber“, sagt Müller, „dabei müssten sie doch weinen.“

An dieser Stelle ist es Zeit, sich einen Anwalt zu nehmen. Einen, der Struktur in die Sache bringen könnte. Er empfängt in seiner Berliner Kanzlei mit Blick auf die Spree. Kleiner Vorraum, Sofa, Wassergläser. Ein Vieraugengesprächszimmer. Er liest das Manifest der WSDV: kein Rechtsstaat, keine Souveränität, kein Frieden. Ein leichtes Lächeln umspielt seine Mundwinkel.

Er kennt das, alles schon mal gesehen. Der Anwalt, spezialisiert auf Insolvenzrecht, hat es selbst mit Reichsdeutschen und BRD-Leugnern zu tun bekommen. Vor acht Jahren wurde er vom selbst ernannten Reichspräsidenten Wolfgang G. G. Ebel, ehemaliger Reichsbahner, wohnhaft in Zehlendorf, zum Tode verurteilt. Er hatte, zu jener Zeit bei einem Insolvenzverwalter angestellt, versucht, gegen eine Firma zu vollstrecken, deren Eigentümer sich mit Hinweis auf das Fortbestehen des Deutschen Reiches dem Zugriff des Rechtsstaates entziehen wollten. Für sie, exterritorial, unantastbar, bedeuteten die Forderungen des Insolvenzverwalters eine Verletzung des Völkerrechts.

In einem Brief, in Sütterlin verfasst, wurde der Anwalt daraufhin aufgefordert, sich nur mit einem Waschbeutel und Seife zur ordnungsgemäßen Internierung an einem Außenposten einzufinden. Er ging natürlich nicht, erstattete stattdessen Anzeige. Das Verfahren wurde eingestellt. Wolfgang G.G. Ebel gilt als unzurechnungsfähig.

Seitdem aber hat sich der Anwalt immer wieder mit den Reichsdeutschen beschäftigt. Es gibt in Deutschland eine Vielzahl dieser Gruppierungen. Sie nennen sich Reichsregierungen oder Exilregierungen, rufen Reichskanzler aus oder krönen ihren eigenen deutschen König. Ihre Amtsschrift: Fraktur. Einige sind harmlos, andere längst von Rechtsextremen unterwandert. Sie alle eint jedoch der Glaube an den großen BRD-Betrug. Und die Verwirrung als Methode. Anfang des Jahres warnte etwa das brandenburgische Innenministerium vor pseudojuristischen Anschreiben, die nur den Zweck hätten, die Behörden zu verunsichern.

Der Anwalt legt das Papier auf den Tisch, sagt dann: „Ein paar Kernaussagen sind ja gar nicht falsch. Es hat in der Tat nie eine Volksabstimmung über die Verfassung gegeben. Aber es ist bei diesen Leuten immer so, dass sie sich an Einzelargumenten festbeißen. An irgendwelchen Widersprüchen und einzelnen Personen, die mal irgendwann irgendetwas gesagt haben. Das wird als die absolute Wahrheit herangezogen.“ Er greift in seine Aktentasche, zieht einen schmalen Ordner heraus, sagt: „Es gibt für jede dieser Gruppierungen Urteile, die ihre Behauptungen entkräften.“

Er reicht den Ordner über den Tisch, darin fünf Seiten: ein Zwischenurteil des Finanzgerichts Hamburg, vom April 2011, Aktenzeichen 3 K 6/11. Eine Gruppe, die sich Germaniten nennt und das exterritoriale Staatsgebiet Germanitien für sich beansprucht, hatte Klage gegen die Besteuerung durch das Finanzamt eingereicht. Wurde abgelehnt. Die Begründung liest sich dabei wie die Antwort auf all jene Fragen, die sich im Hinterzimmer in Norderstedt aufgetan haben. Der Anwalt fasst es in seinen Worten zusammen, Berliner Lakonik: „Staatsrechtrechtlich gehören zu einem Staat: Staatsgebiet. Gibt’s. Staatsvolk. Gibt’s. Und Staatsgewalt. Gibt’s auch. Und damit ist das vom Tisch. Im Grunde sind das alles Spinner.“

Klare Ansage. Aber was treibt sie dann in diesen Wahnsinn?

Der Anwalt nimmt seine Aktentasche, sagt im Gehen, Handschlag zum Abschied: „Ich glaube, dass die meisten einfach enttäuscht sind von dem, wie es hier ist. Auch von ihrer Machtlosigkeit. Diese Parteien oder Reichsregierungen haben ja immer etwas Sektenähnliches. Da geht es dann auch um einen Platz, an dem sich diese Menschen aufgehoben fühlen und mal sagen können, wir sind legitim.“

Das Büro der WSDV, im Haus von Hans Müller, ist ein solcher Platz. Eine Zuflucht, wo sonst nur politische Obdachlosigkeit wäre. Ein Ort aber auch, an dem man sich klar abgrenzt von Spinnern wie Wolfgang G. G. Ebel. Reichskanzler werden, das war ja nie sein Ziel, sagt Siebert. „Das ist Firlefanz, völkerrechtlich nicht abgesichert. Der hat keinerlei Legitimation.“ Und dann erklärt er den Unterschied zwischen sich und Ebel. „Der lebt in der Zeit von 1933 bis 1945. Ich aber bin ein Anhänger der Weimarer Republik, ich bin ein deutscher Patriot.“ Kurzes Nachdenken, Nachlegen: „Wir setzen uns auch dafür ein, dass ein neuer deutscher Staat gegründet wird, wie der heißt, ist uns egal.“ Er deutet auf den Bildschirm, auf das erstarrte Gesicht Sigmar Gabriels. „So wie es ist, ist es doch kein Zustand.“

Zustand. Es ist vielleicht dieses Wort, das am ehesten erklärt, worum es Siebert und Müller in ihrer Ordnungsliebe geht. Ihre Sehnsucht gilt einem Staat ohne Krisen, ohne Entwicklungen, er ist eingefrorene Zeit.

Einen Moment lang herrscht jetzt Schweigen. Da fällt Siebert noch etwas ein: „Haben Sie Ihren Personalausweis dabei?“ Habe ich. Wunderbar. „Herr Müller hat da so eine Maschine.“ Das Stichwort für Müller, der steht auf, holt aus einer Schublade eine Schwarzlichtlampe. Der Personalausweis ist ja für Sieberts Theorie das wichtigste Beweismittel. Bundesrepublik Deutschland. Falsch. Nationalität: deutsch. Auch falsch.

Aber das ist nur das Oberflächliche. Der deutsche Personalausweis, ähnlich wie die US-amerikanische Ein-DollarNote, birgt natürlich noch mehr Geheimnisse: „Das können wir Ihnen jetzt mal demonstrieren.“

Deshalb jetzt: Schwarzlicht-Einsatz. Müller hält den Ausweis in der einen, die Lampe in der anderen Hand, lässt sie langsam von oben nach unten über das Dokument gleiten, als würde er es scannen.

Siebert: „Und, was sehen Sie dort?“

Nichts.

Müller: „Ist es richtig rum gehalten?“

Ja.

Siebert: „Hans, das ist zu hell, das musst du im Schatten machen.“

Müller: „Vielleicht machen wir die Lampe mal aus.“

Sie machen die Lampe aus. Völlige Dunkelheit nun. Nur das Leuchten des Schwarzlichts.

Siebert: „Können Sie das sehen? Sie sehen einen stilisierten Adler. Sehen Sie das nicht?“

Doch, jetzt. Siebert, sichtlich zufrieden, macht das Licht wieder an, Glühlampe unter einem Fransenschirm.

Siebert: „Drehen Sie den mal um. Wissen Sie, was das ist? Hier hinten?“

Er deutet auf die Rückseite des Ausweises, hektisch, euphorisiert.

Müller: „Da.“

Siebert: „Da sehen Sie zwei Hörner.“

Müller: „Das ist Widderkopf.“

Siebert: „Das ist Baphomet, das ist ein Freimaurerzeichen.“

Müller: „Das sind die Freimaurer.“

Siebert: „Und ich rede jetzt nicht von Verschwörungstheorien.“

Er gibt den Ausweis zurück. „Wollen Sie noch etwas wissen?“

Nein. Danke, keine weiteren Fragen.

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