Zeitung Heute : Verwandter Terror

Der mutmaßliche Bombenleger von Köln stammt aus einer Großfamilie, die Kontakte zu islamistischen Kreisen hatte

Frank Jansen

Die Bundesregierung geht davon aus, dass hinter den beiden Bahn-Bombenlegern mehrere Unterstützer standen. Was spricht dafür, dass die Attentäter in ein größeres Netzwerk eingebunden waren?


Es klingt fast schon wie eine makabere Berufsbezeichnung. Von „selbst radikalisierten Dschihadisten“ sprechen die meisten Sicherheitsexperten, wenn sie den festgenommenen, mutmaßlichen Kofferbomber Youssef Mohamad E. H. und den flüchtigen Komplizen einem Tätertypus zuordnen. Eine Verbindung zu Al Qaida ist nicht zu erkennen. Dennoch gibt es einen Verdacht, wer die Radikalisierung angestoßen haben könnte. In Sicherheitskreisen wird eine extremistische Bewegung genannt, die in vielen Staaten aktiv ist und es in Deutschland nicht mehr sein darf: Hisb ut-Tahrir al Islami, die „Partei der islamischen Befreiung“. Sie predigt Hass gegen Israel, ist aber bislang nicht mit Anschlägen in Erscheinung getreten. Im Januar 2003 reagierte der damalige Bundesinnenminister Otto Schily mit einem Betätigungsverbot auf die blutrünstige Propaganda der deutschen Filiale von Hisb ut-Tahrir al Islami. Die Zentrale der Partei befindet sich im Libanon.

Youssef Mohamad E. H. entstammt einem Clan aus der Region um die nordlibanesische Hafenstadt Tripoli. Mehrere Mitglieder der Großfamilie seien „problematisch“, heißt es in deutschen Sicherheitskreisen. Verwandte des mutmaßlichen Kofferbombers stünden mit der „HuT“, wie die Hisb ut-Tahrir al Islami von Verfassungsschützern gekürzelt wird, in Verbindung. Die Informationen hat offenbar der libanesische Militärgeheimdienst nach Deutschland übermittelt. Und er gab auch den entscheidenden Tipp auf Youssef Mohamad E. H., nachdem das Bundeskriminalamt am Freitag die Videos veröffentlicht hatte, auf denen die Tatverdächtigen mit den explosiven Trolleys am 31. Juli im Hauptbahnhof Köln zu sehen sind.

Die Sicherheitsbehörden wissen oder sagen aus ermittlungstaktischen Gründen nicht, ob es direkte Kontakte zwischen dem am Sonnabend in Kiel festgenommenen Libanesen und der Hisb ut-Tahrir al Islami gab. Denkbar ist auch, dass die Weitergabe der antiisraelischen Hetze der HuT durch deren Sympathisanten im Clan von Youssef Mohamad E. H. ausreichte, um ihn zu fanatisieren. Die Propaganda ist jedenfalls geeignet, labile Muslime in Mörder zu verwandeln. Da wird in einem Flugblatt geklagt, warum die Armeen islamischer Länder nicht losbrechen, „um die Juden zu bekämpfen, den Judenstaat endgültig zu vernichten und jede Spur von ihm zu entfernen?“ Der Hass zielt auch auf europäische Länder und die USA. „Die Partei betrachtet die westlichen Staaten, allen voran Großbritannien, Amerika und Frankreich, als Erzfeinde des Islam und der Muslime“, zitiert das Bundesamt für Verfassungschutz die Äußerung eines HuT-Mannes im Internet. In Deutschland polemisierte 2002 ein Funktionär vor Berliner Studenten, im Publikum saßen auch der rechtsextreme Anwalt Horst Mahler und NPD-Chef Udo Voigt. Und trotz des Verbots bekennen sich in Deutschland, schätzt der Verfassungsschutz, 300 Anhänger zur Hisb ut-Tahrir al Islami.

Dass die Befreiungspartei über direkte oder indirekte Indoktrination hinaus für die Kofferbomben mitverantwortlich sein könnte, ist angesichts des bisherigen Gewaltverzichts der Organisation unwahrscheinlich. Insofern wirkt die in den deutschen Sicherheitsbehörden dominierende Theorie plausibel, Youssef Mohamad E. H., der flüchtige Tatverdächtige sowie mögliche Hintermänner hätten ohne Auftrag die Anschläge auf die Regionalzüge geplant. Vermutlich seien die „weichen Ziele“ aus zwei Gründen gewählt worden: jüdische und israelische Einrichtungen in Deutschland sind stark gesichert, ein Angriff wäre riskant. Und: Kanzlerin Merkel habe schon zu Beginn des neuen Libanonkrieges, am 13. Juli, Israels Recht auf Selbstverteidigung betont. Die Täter, erregt durch die Bilder aus dem bombardierten Libanon, hätten Deutschland für seine Solidarität mit Israel bestrafen wollen, glauben Sicherheitskreise.

Die Herstellung der Kofferbomben sei in einer Woche zu bewerkstelligen, heißt es. Bei den Experten überwiegt die Ansicht, die Täter hätten den Konstruktionsfehler – es mangelte an Sauerstoff zur Auslösung einer Explosion – nicht gewollt. Eine Warnung an Deutschland mit defekten Bomben sei wenig wahrscheinlich. Eher müsse man vermuten, die Dschihadisten hätten einen klassischen Mechanismus in Gang setzen wollen: Die Anschläge versetzen das Land in Panik – wenige Wochen später rühmt Al-Qaida-Vizechef Aiman al Sawahiri in einer Botschaft, wie nach früheren Anschlägen, die Attentate als gerechte Rache an den „Kreuzrittern“.

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