Zeitung Heute : Verwirrende Vorgänge in der asiatischen Monarchie - aus gutem Grund öffnet der König sein Land nur allmählich

Hans Dieter Kley

Frühmorgens in Thimphu, einer der kleinsten Hauptstädte der Welt: Auf der noch menschenleeren Hotel- und Ladenstraße Norzim Lam tauchen zwei Männer auf, einer der beiden trägt ein Aluminiumköfferchen, der andere schnappt plötzlich nach einem streunenden Hund. Mittels einer Injektion wird der Vierbeiner vom Leben in den Tod befördert und zu anderen Schicksalsgenossen in einen Container geworfen - ein verwirrender Vorgang in einem Land, von dem es heißt, nirgendwo werde die Lehre Buddhas mehr beherzigt als in diesem weltfernen Himalayaland, dem letzten asiatischen Königreich mit dem Buddhismus als Staatsreligion.

In Buthan sei die Zeit stehengeblieben, stellten frühere Besucher fest. Tatsächlich empfindet man die klare Bergluft, die dünne Besiedelung, die landestypische Architektur, das Festhalten an Traditionen als Labsal, wenn man aus dem Menschen- und Verkehrsgewühl, dem Lärm, Dreck und Stilmischmasch größerer Metropolen kommt. Doch schon die vierstrahligen, mittelgroßen Jets von der staatlichen Druk-Air lassen erkennen, dass Bhutan Anschluss an die Neuzeit gefunden hat. Der Drachen am Leitwerk geht auf den Mythos einer alten Klostergründung zurück. Tibetische Mönche hatten im 8. Jahrhundert den tantrischen Mahayana-Buddhismus in die "südlichen Täler" (Bhutan) gebracht. Die chinesische Annexion Tibets im Jahre 1950 rüttelte das wenig bekannte Land aus dem Dornröschenschlaf. Bhutan unterstellte sich indischem Schutz, die Inder bauten eine Straße von dem Grenzort Phuntsholing nach Thimphu und Paro. Mit den ersten Autos kamen Telefone, Radiogräte, Briefkästen und Geldscheine in das Land der Bauern und Mönche. 1974 folgten die ersten Touristen.

Allerdings verordnete die Regierung einen "kontrollierten Tourismus", um damit einer Fremdeninvasion vorzubeugen. Wer Bhutan besuchen möchte, muss sich im Normalfall einer Gruppe anschließen und mindestens 250 US-Dollar pro Reisetag aufwenden. Unter der Ägide des in Indien und England erzogenen Königs Singye Wangchuk bemüht sich die Regierung, das vielfach als "Shangrila" gepriesene Land dem technischen und sozialen Fortschritt zu erschließen; gleichzeitig soll das reiche Natur- und Kulturerbe geschützt werden.

Seine königliche Hoheit pflegt im Jeep von seinem bescheidenen Palast zu einem imponierenden Gebäude am Thimphu-Fluss zu fahren. Inmitten grüner Terrassenfelder steht der Tashichoe-Dzong; ein wenig erinnert er an den Potala in Lhasa. Fast jedes Bergtal in Bhutan hat einen Dzong, eine mittelalterliche Fürsten- und Fluchtburg in beherrschender Lage. Die hochgelegene Burg von Thimphu brannte 1772 ab, ein neuer Dzong entstand im Tal. Es reizt, die Dzongs zu besuchen, vor allem an weltlichen und religiösen Feiertagen, wenn sie die Kulisse für farbenprächtige Zeremonien, Schwert- und Maskentänze, Bogenschießturniere und feuchtfröhliche Picknickparties abgeben, wenn Thangkas, tantrische Bilder, entrollt werden und Mönchsprozessionen vorbeiziehen.

Im Tal von Punakha, tausend Meter tiefer als Thimphu, haben König und Staatsklerus ihre Winterresidenz. Als Verwaltungszentren der Regionen beherbergen die Dzongs sowohl Regierungsbeamte als auch Klostergemeinschaften. Wie andere Dzongs wurde der Tashichoe-Dzong von Thimphu mehrfach erweitert. Die traditionelle Bauweise - weißgetünchte Grundmauern, rotbraune, reich geschnitzte Türen, Fenster und Friese, pagodenähnliche Dächer - wurde beibehalten. Die alten und neuen Gebäude - Klostertrakte, Ministerien, der Saal der Nationalversammlung und der königliche Audienzsaal - gruppieren sich um weite Innenhöfe und bilden einen homogenen Gebäudekomplex.

Der Zutritt freilich ist an besondere Vorschriften geknüpft: Einheimische dürfen den Dzong, sei es in Thimphu oder anderenorts, nur in Nationaltracht betreten - die Männer im Kho, dem kurzen, mittels eines Gürtels gestrafften Mantels mit weißen Ärmelaufschlägen, dazu Schuhe und Kniestrümpfe, die Frauen in der Kira, dem knöchellangen Kleid aus handgewebter Wolle. Ausländische Besucher brauchen eine amtliche Genehmigung, auch für die Besichtigung vieler Klöster. So vermeidet Bhutan einstweilen noch unwürdige Szenen, wie man sie allenthalben in den Touristenhochburgen Asiens beobachten kann.

Man trifft hier unter dem Dach der Welt so viele freundlich lächelnde, sanftmütige Menschen, dass man zögert, sie auf das im Ausland wenig beachtete Flüchtlingsproblem Bhutans anzusprechen. Aus Sorge, das "Drachenvolk" könne seine Identität verlieren, hat die Regierung Zehntausende eingewanderter Nepalesen ausgewiesen; sie befürchtet, die buddhistische Kultur könne durch Hindus unterwandert und das Staatsvolk zu einer Minderheit werden, wie es im benachbarten, von Indien im Jahre 1975 annektierten Königreich Sikkim geschah.

Thimphu kann bereits mit mehr als 20 Reiseagenturen, mit gut einem Dutzend Mittelklassehotels, indischen und chinesischen Restaurants und einer "Swiss Bakery" aufwarten. Bhutan wird den ärmsten Ländern der Welt zugerechnet, zuverlässige Statistiken sind jedoch rar. Unter den 150 Mitgliedern der Nationalversammlung soll es noch Analphabeten geben, in entlegenen Landesteilen immer noch mehr Schamanen als ausgebildete Ärzte.

Rundfahrten in Bhutan führen durch verschiedene Vegetationszonen, von Bananenpflanzungen und Rhododendronhainen zu Kiefern- und Korkeichenwäldern. Halbwegs zwischen Puntsholding und Thimphu wurde Wang-Schu aufgestaut; das Kraftwerk versorgt nicht nur Westbhutan, sondern auch Teile Nordindiens mit elektrischem Strom. Dagegen sollen die Wälder unangetastet bleiben. Ein Fünftel der Landfläche besteht aus Naturparks mit seltenen Pflanzen und Tierarten. Beschränkungen gibt es auch für Trekkingtouren und für das Besteigen hoher Berge. Nicht nur aus ökologischen, sondern hauptsächlich aus religiösen Gründen wurden einige der 21 Siebentausender Bhutans mit einem Tabu belegt.

Wohin man auch kommt - überall wehen Gebetsfahnen, die das Mantra "Om mani padme hum", die Anrufung Buddhas, in alle Winde schicken, stehen Chorte, weiß angestrichene Grabmonumente, die die Asche und Reliquien heiliger Männer aufbewahren, sind Pilger mit Gebetsmühlen in der Hand zu Tempeln und Klöstern unterwegs, findet man Zeichen einer tiefen religiösen Verwurzelung. Es gibt keine politischen Parteien und Gewerkschaften, weder Supermärkte noch Diskotheken. Der restriktive Tourismus hat das Bergkönigreich - im Gegensatz zum Nachbarn Nepal - vor Drogen und Aids bewahrt. Erst in diesem Jahr wurde das Fernsehverbot aufgehoben.

Im Vergleich zu Katmandu und Delhi erscheint Thimphu auffallend sauber. Autos werden noch nicht abgeschlossen, es gibt anscheinend weder Diebe noch Bettler. Hundebesitzer freilich werden künftig mehr auf ihre Vierbeiner aufpassen müssen. Tipps für Buthan:

Anreise: Von Delhi oder Bangkok via Kalkutta beziehungsweise Dhaka gibt es Flüge mit der königlich-bhutanischen Druk-Air nach Paro, dem einzigen Flughafen Bhutans.

Einreise: Einzeln reisende Touristen erhalten nur eine Einreiseerlaubnis, wenn sie einen offiziellen Führer anheuern. In der Regel werden Visa nur für Gruppen von sechs bis 20 Personen erteilt und längstens für einen Aufenthalt von zehn Tagen. Entsprechende Einreiseanträge sind mindestens zehn Wochen vor der geplanten Reise zu richten an: The Department of Tourism, Royal Government of Bhutan, Taschhicho Dzong, Thimphu/Bhutan.

Reisezeit: Die beste Reisezeit ist im Frühjahr und im Herbst. In der sommerlichen Monsunzeit und im Winter ist der Flugbetrieb stark eingeschränkt. Regen und Erdrutsche, Schnee und Überschwemmungen machen dann die Straßen oft unpassierbar.

Veranstalter: Reisen nach Bhutan können bei einem Reiseveranstalter im Ausland oder in Thimphu gebucht werden. Normalerweise wird eine Gruppe für ein drei- oder viertägiges Besichtigungsprogramm zusammengestellt. Die Tagespauschalen umfassen Hotelunterkunft, Mahlzeiten, begleitete Rundfahrten und Eintrittsgebühren. Kosten: etwa 250 US-Dollar pro Tag und Nase.

In den Asienprogrammen von Reiseveranstaltern wie Indoculture Tours, Hauser, Studiosus, Marco Polo, Ikarus und Klingenstein, findet man Bhutan meist mit andern Himalayazielen (Nepal, Sikkim, Tibet, Ladakh) kombiniert. Trekkingtouren offeriert neben anderen der Deutsche Alpenverein.

Auf dem Reisemarkt von Katmandu, NeuDelhi, Kalkutta und Bangkok sind mehrtägige Ausflüge nach Bhutan im Angebot.

Individuell: Reisen auf eigene Faust sind nicht erlaubt, für Trekkingtouren ist eine Sondergenehmigung erforderlich. Für die Anreise auf dem Landweg durch Indien gibt es besondere Regelungen.

Unterkunft: Die Hotels kann man sich selbst nicht aussuchen. In den Städten können sie recht komfortabel sein, auf dem Land eher einfach. Warme Sachen mitnehmen, nicht überall ist ein Ofen.

Gesundheit: Impfungen sind nicht vorgeschrieben, es sei denn, man kommt aus einem Gelbfiebergebiet. Malariaschutz wird in den südlichen Landesteilen empfohlen.

Geld: Die Landeswährung Bhutans ist dem Wert der indischen Rupie angepasst. Für den Geldumtausch sollte man US-Währung mitführen. Die größeren Hotels in Thimphu und Paro akzeptieren internationale Kreditkarten.

Literatur: Francoise Pommaret: Bhutan. Edition Erde, BW-Verlag Nürnberg, 1992. Informative Landeskunde, politisch etwas blauäugig. "Land der Klosterburgen", Beck Verlag München.

Souvenirs: Stilvolle Mitbringel wie Webwaren aus Wolle und Seide, Holzschnitzereien, Silberschmuck, Rollbilder oder Drachenfahnen gibt es im Handicraft Emporium in Thimphu, auf dem Wochenendmarkt der Hauptstadt und in kleinen Läden.

Auskunft: Informationsmaterial in beschränktem Maße bei der Tourism Authority of Bhutan, PO Box 126, Thimphu; Telefonnummer: 009 75 / 2 / 232 51, Telefaxnummer: 009 75 / 2 / 236 95.

Bhutan-Himalaya-Gesellschaft, Postfach 19 03 27, 50500 Köln; nur über Telefax: 022 04 / 615 65.

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