Zeitung Heute : Verzweifeln

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

So geht es etwa zu im Fußball-Weltmeisterschafts- Land: Er sitzt, manchmal allein, meistens in Horden, vor der Glotze, ein biersaufender Dicker, der den Figürchen auf dem Bildschirm Befehle zugröhlt, die ihn aber ja nicht hören, und nicht machen, was er sagt, was den Dicken verdrießt und er fängt an, seine Alte zu schikanieren, die vielleicht Uschi heißt, und überhaupt von nichts eine Ahnung hat. Das könnte sie ändern, es gibt für sie in diesen Tagen meterweise Sonderausgaben, die ihr erklären, wie sie ihren Dicken während der WM im Zaum hält und was sie auf keinen Fall fragen sollte, wenn sie keine geklebt haben will.

Es ist ein ganz unerhörtes Mann-Frau-Bild, das da am Rande der WM verbreitet wird. Und es ist ganz klar, dass dieses Bild (sie – dumme Nuss, er – Superchecker) der männlichen Sehnsucht nach Endlich-wieder-Vorherrschaft entspringt. Die Fußball-WM ist das Feld, auf dem er unangefochten Chef ist, Chef sein darf, laut und derb, ohne Rücksicht auf Political Correctness, Quote oder Antidiskriminierungsgesetze. Fußball ist Mann. Und die Weiber, pa-hah, Weiber. Die dürfen, wenn sie Glück haben, ein Spiel mit angucken, aber Maul halten, sonst setzt es was.

Für Uschi könnte es so weitergehen: Sie, ihr Dicker und seine bekloppten Freunde hüllen sich beim Fußballgucken in schwarzrotgelbe Deutschlandfahnen, was sie noch dicker wirken lässt, und in der Pause besprechend sie lallend, inwiefern Patriotismus während einer Fußball-Weltmeisterschaft in Ordnung ist. Aber dann fragt Uschi bierselig doch was. Sie will wissen, warum es elf Freunde und Elfmeter gibt, wieso also immer elf, ob das irgendwie zusammenhängt, und darüber geraten der Dicke und seine Freunde kurz in Streit, aber sie vertragen sich auch wieder und schwören, dass sie das nächste Spiel ohne Uschi gucken. Die steht später, als der Dicke schon im Garten schnarcht, in der Küche und wäscht die Teller ab, auf denen sie zuvor heiße Würstchen serviert hat. Und vielleicht ist sie so verzweifelt wie ich.

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