Zeitung Heute : Verzweifelter Kampf um Fukushima

Sebastian Bickerich
Tsunami, Trümmer – und jetzt auch noch Schnee. Rettungskräfte im Einsatz in der vom Erdbeben und der Flutwelle besonders getroffenen Hafenstadt Sendai. Foto: Kim Kyung-Hoon/Reuters
Tsunami, Trümmer – und jetzt auch noch Schnee. Rettungskräfte im Einsatz in der vom Erdbeben und der Flutwelle besonders...Foto: REUTERS

Berlin - Japan scheint den Kampf gegen den drohenden Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima zu verlieren. Versuche, die heiß gelaufenen Reaktoren zu kühlen, drohten am Mittwoch zu scheitern. Die wenigen verbliebenen Arbeiter wurden vorübergehend abgezogen, und Hubschrauber konnten wegen der hohen Radioaktivität kein Kühlwasser abwerfen. Kaiser Akihito wandte sich in der Katastrophe erstmals an die Japaner und rief sie zur Solidarität mit den Überlebenden von Erdbeben und Tsunami auf.

Ein Kälteeinbruch und Schneefall verschärften die Notlage der Erdbebenopfer im Nordosten Japans. In der vom Tsunami überschwemmten Küstenregion herrschten weiter apokalyptische Zustände. Tausende Menschen mussten in den Trümmern ihrer Siedlungen ausharren. Vielerorts wurden am fünften Tag nach dem Beben die Lebensmittel knapp, wie Augenzeugen berichteten. Es fehlte an Strom und Heizwärme. Offiziell bestätigt wurde der Tod von 4312 Menschen, 8606 sind verschollen. Die Sachschäden belaufen sich auf bis zu 200 Milliarden Dollar.

Im Wettlauf mit der Zeit räumten Akw-Mitarbeiter Schutt beiseite und bauten für die Feuerwehr eine Straße zum Reaktor 4 des 240 Kilometer nördlich von Tokio gelegenen Kraftwerkskomplexes Fukushima. Die Arbeiter setzen laut Experten ihr Leben aufs Spiel. Wie verzweifelt die Lage ist, belegten Planungen der Polizei, Wasserwerfer zur Kühlung einzusetzen. Auch US-Soldaten sind offenbar bei den Kühlungsbemühungen im Einsatz.

Anlass zur Sorge gibt auch Reaktor 3, dessen Dach durch eine Explosion beschädigt wurde und aus dem zeitweise Dampf entwich. Hubschrauber konnten die Anlage wegen der hohen Strahlung nicht aus der Luft mit Wasser kühlen. Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO, Yukiya Amano, sagte, dass der Kern mehrerer Reaktoren beschädigt sei. Nach IAEO-Informationen ist der Kern in den Reaktoren 1,2 und 3 beschädigt.

Kaiser Akihito nahm die Katastrophe zum Anlass für eine seiner seltenen direkten Ansprachen an die Bevölkerung. Er sei zutiefst besorgt über die Folgen des schweren Erdbebens, das von „noch nie gesehenem Ausmaß“ gewesen sei, sagte der Tenno in einer Fernsehrede. „Meine Hoffnung ist, dass so viele Menschen wie möglich lebend gerettet werden“, sagte er. Nach vorläufigen Angaben der Katastrophenschutzbehörde wurden bei dem Beben und dem anschließenden Tsunami 80 422 Gebäude beschädigt und 4798 zerstört. Weiterhin sind landesweit rund 1,6 Millionen Gebäude ohne Trinkwasser, 612 439 Haushalte haben zudem nach Behördenangaben keinen Strom.

Die Regierung nannte die Auswirkungen des Erdbebens auf die Wirtschaft „erheblich“. Japans Zentralbank pumpte seit Montag 28 000 Milliarden Yen (245 Milliarden Euro) in die Wirtschaft. Die Börse von Tokio war am Montag um 16 Prozent eingebrochen. Am Mittwoch erholte sich der Nikkei-Index um 5,7 Prozent.

Trotz Bedenken in der Koalition sieht die Bundesregierung eine sichere Rechtsgrundlage für die vorläufige Aussetzung der längeren Atomlaufzeiten. Die Regierung sei sich mit den Ländern, die Atomkraftwerke haben, einig, dass das Atomgesetz dafür die geeignete rechtliche Handhabe sei, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Politiker der Opposition hatten zuvor bezweifelt, dass eine Akw-Abschaltung ohne Zustimmung des Bundestags zulässig ist. Die SPD-geführten Länder wollen am Freitag auch im Bundesrat die Rücknahme der Laufzeitverlängerung fordern. Rheinland-Pfalz werde einen Entschließungsantrag einbringen, in dem die sofortige Abschaltung der acht ältesten und am schlechtesten gegen Flugzeugabsturz geschützten Reaktoren gefordert wird. Die Stuttgarter Landesregierung ordnete am Mittwoch auch formell die Abschaltung der Atomkraftwerke Neckarwestheim I und Philippsburg I an. Damit werde das in Berlin beschlossene Moratorium umgesetzt, teilte das Umweltministerium in Stuttgart mit. Nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ erwägt der größte deutsche Stromkonzern Eon derweil eine Klage, sollten Meiler dauerhaft vom Netz müssen. mit rtr/AFP/dpa

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