Zeitung Heute : Via Manin

Aus Bowle geborener Kuchen

Elisabeth Binder

Via Manin, Güntzelstraße 19 - 20, Wilmersdorf, Tel. 863 984 40, täglich außer sonntags von 12 bis 16 und 18 bis 24 Uhr. Foto: Kleist-Heinrich

Der Eingangsbereich wirkt ein bisschen wie ein altmodischer Kaufmannsladen. Rechts eine gläserne Theke mit Schinken, Salami, Mortadella und viel versprechend aussehenden Käsesorten vor weißen Regalen. Daneben ein riesiger Glasbottich mit Essig drin. An der anderen Seite des Raumes unter der tiefroten Decke Zeitschriften und Zeitungen, ringsum blanke Tische und schlichte Trattoria-Stühle vor Weinregalen, im hinteren Bereich dicht beieinander stehende weiß gedeckte Tische. Im Kaufmannsladen brennen Windlichter und Kerzen, stehen zusätzlich Pappkartons und Flaschenkisten herum. In seiner liebenswürdigen Unaufgeräumtheit erinnert dieses Ristorante an manch urige gastronomische Offenbarung in weit abgelegenen südlichen Fischerdörfern.

Die spielerisch ironische und trotzdem herzliche Tonlage der Chefin verstärkt den Eindruck, hier könne es sich um ein Lokal für Intellektuelle und Snobs handeln, die ein Höchstmaß an Genuss gern mit einem Maximum an Understatement paaren. Der Prosecco zum Beispiel wird in wunderschönen Gläsern serviert. Den roten Hauswein, einen biologisch angebauten Merlot aus dem Veneto, angelt die nette Chefin aus dem Regal direkt hinter uns. Man kann ihn glasweise trinken (2,80 Euro), aber sie lässt vorsichtshalber gleich die Flasche stehen, der dann auch keine allzu lange Lebensdauer mehr beschieden ist.

Die schmale Karte führt die angebotenen Antipasti auf, die Hauptgänge stehen auf einer Schiefertafel, die, da es erstaunlicherweise nicht sehr voll war, für den Rest des Abends direkt vor unseren Tisch gerückt wird. Erst gibt es frisches Olivenbrot, dann Kostproben aus der Vitrine. Die marinierten Sardinen mit vielen dicken Kapernäpfeln sind wunderbar, gehören zu den besten, die ich je gegessen habe (7 Euro). Auch der sardische Pecorino ist exzellent mit einem pointierten, aber milden Geschmack, dazu gibt es köstliche Senffrüchte (7,50 Euro).

Die Stracci werden auf der Schiefertafel charmanterweise mit „Lumpen“ übersetzt, es handelt sich dabei um einen intensiv nach Minze schmeckenden dunkelgrünen Nudelteig, aus dem man zur Not auch einen schicken Designermantel schneidern könnte, wenn er nicht so hinreißend gut schmecken würde. Dazu gibt es gefüllte Zucchini und kleine Stückchen Lammfilet in einer deftigen Sauce.

Allein die Leber schwächelt an diesem Abend. Sie ist vom Kalb und kommt als Begleiterin eines denkwürdig fluffigen Spinattörtchens. In kleine Stückchen geschnitten und in eine ebenfalls nach gehobener italienischer Hausmannskost schmeckende, kräftige Sauce getaucht, ist sie vom Kaugefühl streckenweise doch etwas knorpelig. Das hätten wir vielleicht nicht sagen sollen. Kaum sind die Teller abgeräumt, erscheint die nette Chefin mit einer Tupperdose am Tisch. „Wollen Sie es wirklich sehen?“, fragt sie noch leicht besorgt. Und schon öffnet sie die Dose, in der ein Stück rohe Leber liegt. „Sehen Sie, hier die Arterien…“ Es folgt eine kleines medizinisches Fachseminar, das erklären soll, warum es sich an manchen Stellen knubbeln muss und das Ergebnis besser eben nicht sein kann, obwohl man hier ausschließlich ökologisch hochkorrekte Produkte aus der Schorfheide verwendet (17,50 Euro).

Solchermaßen mit Charme belehrt, gab’s dann zur Belohnung oder als Entschädigung ein Stückchen vom einzigen Dessert des Tages: Erdbeertiramisu, das man sich vorstellen muss wie einen besonders guten, aus Bowle geborenen Kuchen. Darauf noch einen mildfruchtigen Grappa für sanfte drei Euro.

Gut, das Via Manin ist nicht so preiswert, wie es ein notorischer Prestige-Esser auf den ersten Blick vermuten würde. Es ist auch sicher nicht nur die Fallhöhe zwischen der Aussicht auf verstaubte leere Limoflaschen und dem musikalischen Klang der miteinander anstoßenden edlen Gläser, die jene gemütlich-sympathische Atmosphäre schaffen, die mir wie maßgeschneidert für feinsinnige Kulturmenschen erscheint. Und für arme Poeten gibt es tagsüber Möglichkeiten, mit Hilfe vergleichsweise preiswerter belegter Brote an den Delikatessen aus der Theke teilzuhaben.

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