Viagra : Sex auf Rezept

Zehn Jahre Viagra in Deutschland: Erektion auf Bestellung, schimpften die einen, Befreiung von der Versagensangst, jubelten die anderen. Eine Bilanz.

Verena Friederike Hasel
Viagra
Viagra: das blaue Wunder. -Foto: dpa

The penis is back“, schrieb der „Playboy”, als Viagra auf den Markt kam. Normalerweise beschäftigt sich das Männermagazin am liebsten mit vollen Brüsten und langen Beinen. Doch die Entwicklung der ersten nachweislich wirksamen Potenzpille war dem Blatt eine Reihe gewaltiger Worte wert. „Die Sechziger haben die Klitoris auf die Bühne gestellt“, war da zu lesen. Aber nun, „nach Jahren der klitoralen Tyrannei, Millionen Stunden von Cunnilingus hat Viagra den Weg zurück zum Phallus-zentrierten Sex eröffnet, zum großen Sexgott, dem Schwanz.“

Nichts weniger als eine zweite sexuelle Revolution sollte die kleine, blaue Tablette, die im Oktober 1998 erstmals in Deutschland zu kaufen war, auslösen. Zehn Jahre danach ist immerhin klar, dass das Mittel weltweit ein Renner ist: Über 35 Millionen Männer haben es inzwischen genommen, davon eine Million hierzulande.

Dass die Erwartungen so hoch waren und dass noch immer über die Potenzpille diskutiert wird, liegt wahrscheinlich daran, dass schon die Grundannahme, die Viagra transportiert, verwegen ist – sie lautet: Auch alte Menschen wollen Sex. Noch immer können sich viele nicht vorstellen, dass sexuelle Lust nicht nachlässt wie die Sehkraft. Doch das Thema, was jenseits der 60 im Bett passiert, gewinnt an Bedeutung. Das zeigt der Film „Wolke 9“ – und das tut auch not: Beim Sex scheinen wir die Evolution, wie in anderen Lebensbereichen auch, überholt zu haben. Heute wird ein Mann in der westlichen Welt etwa 75 Jahre alt; die Zahl der Jahre, in denen er sexuell aktiv sein kann, steigt. Nur die Natur ist nicht hinterhergekommen. Der männliche Testosteronspiegel und damit die Potenz sinken schon ab dem 35. Lebensjahr.

„Allerdings sind wir immer weniger bereit, die Begrenzungen des Körpers hinzunehmen“, sagt Volkmar Sigusch, ehemaliger Direktor des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft und einer der weltweit bekanntesten Forscher auf seinem Gebiet. Als Sigusch einmal auf einem Vortrag in Zagreb war, kaufte er eine Statue; er beschreibt sie als „einen alten Mann, an dem alles runterhängt“. Bei ihm in Deutschland kam sie dann in einer sargähnlichen Verpackung an. Die Statue habe ihn gerührt, sagt Sigusch, weil der Mann von heute nicht mehr altern dürfe. „Er will sein wie der junge. Für ihn ist Viagra ein Geschenk.“

Nun gibt es auch andere Mittel, die ein Geschenk für alte Menschen sind. Aber für Betablocker oder Rheumapräparate interessiert sich kaum jemand – und öffentliche Bekenntnisse zu den Medikamenten gibt es schon gar nicht. Viagra dagegen wird von Schauspieler Elmar Wepper als „Wundermittel“ gepriesen: „Wir Männer können froh sein, dass es das gibt“, sagte er mal in einem Interview. Und „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb kürzlich sogar, Viagra heile die Wunden des Alters.

Dass Viagra dennoch kein harmloses Thema ist, darauf deutet die Recherche für diesen Artikel hin: Zwei Männer erzählen von ihren Erektionsproblemen, ziehen ihre Aussage aber einige Tage später zurück. Sie hätten Angst, falsch verstanden zu werden, sagen sie. Frauen, die sich zu dem Thema äußern wollen, finden sich zunächst gar nicht.

Schaut man in die wissenschaftlichen Studien, gewinnt man den Eindruck, dass sich in Sachen Viagra ein Graben zwischen den Geschlechtern öffnet. In einer Untersuchung aus Neuseeland beklagt sich eine Frau darüber, dass ihr Mann sich häufig an ihr zu schaffen mache, wenn sie gerade eingeschlafen sei. „Hast du wieder die Pille genommen“, frage sie dann: „Ich habe dich doch gebeten, sie nicht zu nehmen, es sei denn, wir haben darüber gesprochen.“ Darauf er: „Ich brauche nicht deine Erlaubnis, um sie zu nehmen.“ Und in einer Befragung von US-amerikanischen Viagra-Nutzern sagt ein Mann, dass Erektionen normalerweise launischer seien als es Männer wahrhaben wollten. „Wir haben dieses Bild von männlicher Sexualität als immer bereit und als Eroberer. Ich denke, dass diese Pille den Männern die Möglichkeit gibt, diesen Mythos endlich auszuleben.“

Mehr als ein Medikament ist Viagra also ein Versprechen von Männlichkeit – und kam damit womöglich zur rechten Zeit: Lange haben sich Männer im Beruf bewiesen, diese Zeiten sind nun vorbei. Die Jobs werden knapp, und um die wenigen verbliebenen bieten Frauen mit. Nach Ansicht des US-Soziologen Michael Kimmel bleibt dem Mann nur noch der eigene Körper, um sich seiner Männlichkeit zu versichern. Die Lockrufe des Viagra-Herstellers Pfizer gehen in eine ähnliche Richtung: Der erste, der öffentlich verkündete, nach einer Prostata-OP Viagra zu nehmen, war Bob Dole, der Weltkriegsveteran und Präsidentschaftskandidat. Und der in den USA bekannte Urologe Irwin Goldstein spricht in Interviews immer wieder davon, dass Viagra „die männliche Maschine repariere“. In Deutschland darf man für verschreibungspflichtige Präparate wie Viagra nicht werben, dafür empfiehlt Pfizer auf einer Internetseite, bei Erektionsproblemen medizinische Hilfe zu suchen, und berichtet unter dem Menüpunkt „Harte Kerle“ wie nebenbei über Marathonläufer in 4000 Metern Höhe. Sie seien, heißt es, „die mutigsten Jungs“, die Fallschirmspringen höchstens zur Entspannung betreiben würden.

Krieg, Sport, Maschinen – das ist nach Ansicht der Pharmafirma eine Sprache, die Männer verstehen. Auch sonst wurde das Vokabular überarbeitet. Impotenz heißt heute nicht mehr Impotenz, sondern erektile Dysfunktion. Das klingt weniger endgültig – was vorübergehend mal nicht funktioniert, kann man ja wieder reparieren.

Das Werkzeug für die Reparatur will Pfizer zufällig entdeckt haben. Ursprünglich, so heißt es, habe man in der kleinen englischen Stadt Sandwich ein Mittel gegen Bluthochdruck, das typische Leiden älterer Männer, entwickeln wollen. Man startete eine Testreihe mit dem Wirkstoff Sildenafil, er erwies sich als ungeeignet, und so forderte man die Restpillen von den Versuchspersonen zurück. Die älteren Männer weigerten sich, sie wieder herauszugeben, so sehr gefiel ihnen eine Nebenwirkung: Das Mittel verschaffte ihnen eine Erektion und dem Hersteller in den kommenden Jahren den größten Umsatz seiner Geschichte. Allein 2007 hat Pfizer mit dem Präparat knapp 1,8 Milliarden Dollar gemacht.

Pharmakritiker halten die Entstehungsgeschichte von den begeisterten Versuchspersonen und den überraschten Wissenschaftlern für einen Mythos, mit dem Pfizer legitimieren will, so ein Präparat entwickelt zu haben. Sie halten auch den großen Markt vor allem für eine Kreation des Konzerns.

Tatsächlich ist die Verzahnung zwischen dem Konzern und Wissenschaftlern, von denen man sich eigentlich ein unabhängiges Urteil erwarten würde, eng. 1999 war in einer Ausgabe des renommierten „Journal of the American Medical Association“ zu lesen, dass 43 Prozent der Männer unter einer sexuellen Dysfunktion litten. In einer späteren Ausgabe fand sich dann der Hinweis, dass zwei der drei Autoren dieser Studie von Pfizer finanziell unterstützt worden waren. Das übersahen viele, die Zahl blieb dagegen in Erinnerung, schließlich war sie hoch: 43 Prozent, vielleicht gehörte man ja selbst dazu, gerade neulich hatte es schließlich nicht geklappt.

Doch auch das andere Lager – das der Viagra-Kritiker – kann mit Studien aufwarten. In einer Befragung von Neuseeländerinnen durch die Psychologin Annie Potts sagt eine 60-Jährige, dass Viagra Sexdruck erzeuge und Menschen ihres Alters sich jetzt fragen lassen müssten, wie oft sie noch Geschlechtsverkehr hätten. Eine andere erzählt, dass Viagra aufkam, als sie ihrem Mann gerade klar gemacht habe, wie wichtig das Vorspiel sei. „Nun ist das wieder total vergessen.“ Dass Viagra Sex auf Penetration reduziere, die Männern zwar reichlich Freude bereite, für Frauen aber eher notwendiges Übel sei, ist einer der Haupteinwände der Viagra-Kritiker. Es ist ein Stereotyp, ebenso wie die Viagra-Geschichten in den Medien das Klischee vom männlichen Täter und weiblichen Opfer bedienen. Da liest man vom nigerianischen Militärdiktator Sani Abacha, den man 1998 eines Morgens tot in seinem Bett fand, drei Prostituierte auf und neben sich; er hatte Viagra genommen. Oder von den VW-Betriebsräten, die mit Viagra auf Betriebskosten Reisen unternahmen.

Relativierende Stimmen zwischen diesen zwei Fronten – Männer, die Viagra feiern, und Frauen, die Viagra als patriarchalisches Werkzeug verurteilen – gibt es wenige. Eine von ihnen gehört Volkmar Sigusch. Wer wie er seit mehr als 40 Jahren die menschliche Sexualität studiert, kann die ganz große Aufregung um Viagra nicht verstehen. „So bedeutsam, dass man von der zweiten sexuellen Revolution nach der Antibabypille sprechen kann, ist das Präparat nicht“, sagt er. Die Pille habe die Sexualität von ihrem eigentlichen Zweck, der Fortpflanzung, entkoppelt und alle Frauen befreit. Viagra helfe dagegen vor allem den Männern, die alt seien oder Angst hätten. Viagra steigert die Lust zwar nicht, aber macht die Versagensangst unschädlich. Die Sorge, ob die Erektion ausreichen wird, wirkt oft wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, doch Viagra macht den Körper autark. „Die körperliche Reaktion wird von der Emotion getrennt“, sagt Sigusch. Kritikerinnen wie Meika Loe haben das als „Erektion auf Bestellung“ getadelt.

Gegen Ende der Recherche meldet sich eine Frau, die das anders sieht. Sie ist Ende 50, hat einen Partner, der Viagra nimmt und ist froh darum. Gerade mit Viagra sei er bereit, sich auf ausgedehnte Zärtlichkeiten einzulassen und sich ihrem Körper zu widmen. „Dann gibt es kein Rauf, Rein, Runter, er hat ja Zeit“, sagt sie. „Wenn der Mann weiß, dass er eh steht, ist er nicht so hektisch.“ Doch nicht jedes Mal nimmt ihr Partner die Pille, manchmal überlassen sie alles dem Zufall. Damit der Sex auch mal unberechenbar sein kann.

Hintergrund: Das Potenzmittel Viagra

Viagra ist ein Fantasiename, der sich von „Vigour“ (Lebenskraft) und „Niagara“ ableitet. Übersetzen könnte man das Wort mit „auf dass es kräftig fließt“ – ein dezenter Hinweis auf das Versprechen von unkompliziertem Sex ohne Versagen. Damit dieser gelingt, greift Viagra in das Gleichgewicht körpereigener Stoffe ein. Ist ein Mann erregt, sendet sein Gehirn Nervenimpulse in den Genitaltrakt, wo sich daraufhin der Botenstoff cGMP bildet. Er macht den Penis hart, muss aber gegen die Zeit arbeiten, weil er durch das Enzym PDE-5 sofort wieder abgebaut wird. Sildenafil, der Viagra-Wirkstoff, blockiert dieses Enzym – deshalb nennt man Viagra und die Konkurrenzprodukte Cialis und Levitra auch PDE-5-Hemmer. Lust erzeugen sie nicht, aber sie erhalten die Erektion. Die Wirkung von Viagra setzt nach etwa einer Stunde ein und dauert sechs Stunden an; gerade wird ein Nasenspray entwickelt, das schneller wirken soll. Alle drei genannten Medikamente sind verschreibungspflichtig. Eine Pille kostet zwischen zwölf und 15 Euro, die Kassen zahlen nichts. Mögliche Nebenwirkungen der Mittel: Kopfschmerzen und Schwindel.

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