Zeitung Heute : Viel Bildung – gute Chancen

Der Arbeitsmarkt befindet sich im radikalsten Umbruch seit der industriellen Revolution. Zu den Verlierern werden besonders schlecht Qualifizierte gehören

Sven Oliver Lohmann

Schlechte Ausbildung – dunkle Zukunft. Auf diese Formel lassen sich die Prophezeihungen von Sozialforschern bringen, die den Arbeitsmarkt in einem radikalen Umbruch sehen. Nicht anders als am Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die Agrar- zur Industriegesellschaft entwickelte, werden die Umwälzungen das Leben und die Arbeit jedes Einzelnen verändern. „Ohne Erschütterungen wird es nicht abgehen“, sagt Hildegard Maria Nickel, Professorin für Soziologie der Arbeit und der Geschlechterverhältnisse an der Humboldt-Universität.

Sie rechnet damit, dass viele Menschen dem Wandel nicht gewachsen sein werden: „Es wird eine Masse von Verlierern geben“, sagt Nickel, vor allem die Geringausgebildeten. Denn gerade einfache Tätigkeiten werden immer entbehrlicher. Statt dessen sind hochqualifizierte Dienstleistungen wie „Beraten, Vermitteln und Managen“ gefragt, erklärt Nickel. Die Schere zwischen Gering- und Gutausgebildeten wird sich also weiter öffnen. Dies betrifft nicht nur das Einkommen, sondern vor allem auch den Zugang zum Arbeitsmarkt.

Für Gutausgebildete sieht die Zukunft also besser aus. Denn „immer mehr Verantwortung wird zu den Arbeitskräften verlagert“, sagt Nickel. Neben einer sehr guten fachlichen Ausbildung werden „soft skills“ immer wichtiger. „Gemeint sind die Fähigkeit zur Kommunikation, zur Teamarbeit, zum Wettbewerb und zum Umgang mit Risiken“, erläutert die Professorin. Die Arbeitnehmer müssen zudem flexibler und mobiler werden. Sie müssen akzeptieren, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verwischen. „Und ohne lebenslanges Lernen geht es gar nicht mehr“, sagt Nickel.

Auf diesen Wandel ist die Gesellschaft aber noch nicht eingestellt, sagt die Soziologin. Sie vermisst eine öffentliche Debatte: „Ich gehe immer noch davon aus, dass eine Gesellschaft Gestaltung braucht. Der Markt allein wird es nicht richten.“ Hildegard Maria Nickel sieht die Bildung als Schlüssel: Zwar sei das Bildungssystem kein Anhängsel des Arbeitsmarktes. Aber: „Der Arbeitsmarkt ist auch ein Effekt von Bildung. Wir haben zuwenig in Bildung investiert.“

Auch Jürgen van Buer, Professor für Wirtschaftspädagogik an der HU, glaubt, dass der Arbeitsmarkt im Begriff ist, sich zu spalten. Während ein Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften absehbar sei, werde die hohe Arbeitslosigkeit im Niedriglohnsektor bestehen. Doch auch die Gutausgebildeten könnten Konkurrenz bekommen: „Die EU-Erweiterung wird den Wettbewerb um preiswertes Humankapital verstärken“, sagt van Buer. In Osteuropa gibt es viele sehr gut ausgebildete Fachkräfte, die bald in Deutschland Arbeit suchen werden.

So steigen die Anforderungen an die Hochqualifizierten schon während der Ausbildung. Denn nicht nur das Fachwissen wird komplexer. Notwendig sind zudem Fähigkeiten wie Problemlösen und Zeitorientierung. „Und natürlich lebenslanges Lernen“, sagt van Buer. „Wir müssen uns darauf einstellen, in unserem Leben vier bis acht Mal unseren Beruf neu zu erlernen.“

Die Geringqualifizierten haben andere Probleme. Zwar kann es mehr Arbeitsplätze in einfachen Dienstleistungen, wie der Gastronomie, der Reinigung oder beim Bau geben. Der Zuwachs wird aber nicht für alle ausreichen. Die Bildung wird noch mehr als bisher über den Zugang zum Arbeitsmarkt und zu höherem Einkommen entscheiden als bisher. „Das wird gefährlich für den sozialen Frieden in Deutschland“, warnt van Buer.

Doch schon heute gibt es keinen einheitlichen Arbeitsmarkt in Deutschland. „Die Unternehmen warten nicht mehr sehr lange auf die Entwicklung von Humankapital“, erklärt der Wirtschaftspädagoge. „Die Firmen gehen dorthin, wo sie gute Facharbeiter und gute Bildungssysteme bekommen.“ Und die hochqualifizierten Arbeitskräfte folgen den Firmen. Das spüren auch die neuen Bundesländer und Berlin. „Übrig bleiben die Benachteiligten“, sagt der Wirtschaftspädagoge.

Berlin hat nicht viele Möglichkeiten. „Schon wenn die Verwaltung leicht das Angebot reduziert, kann sie massiv sparen“, so van Buer. Die frei werdenden Mittel müssten insbesondere in Bildung, Ausbildung und die Forschung investiert werden. Jürgen van Buer: „Nur wenn Berlin ein starker Bildungs- und Forschungsstandort ist, hat die Stadt eine Chance.“

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