Zeitung Heute : Viel Federlesen

Die Menschen hoffen, dass es bald wieder vorbei ist – vielleicht hat es aber auch gerade erst angefangen: Rügen und die Vogelgrippe

Bas Kast[Bergen Rügen]

Am Donnerstag liegen sie immer noch herum, in den Buchten, an den Stränden. Tote Körper. Manche stecken festgefroren in dem dünnen Eis an den Küsten, andere verwesen an Land vor sich hin.

Tote Schwäne auf der Insel Rügen. Viele dutzend tote Schwäne.

Am Mittwoch noch hatte Kerstin Kassner, die Landrätin Rügens, verkündet: „Wir haben alles im Griff!“ Männer der Ordnungsämter schwärmten aus, in weißen Ganzkörperoveralls, mit Gasmasken, Schutzbrillen, Schutzhandschuhen, um die toten Tiere einzusammeln. Aber es sind zu viele. Hundert vielleicht. Vielleicht auch mehr.

Am Donnerstag dann schlägt Karl- Heinz Walter, Leiter des Amtes Nordrügen, Alarm: Zum Einsammeln der verstorbenen Vögel stünden ihm nur ein Fahrzeug und vier Mitarbeiter zur Verfügung. „Wenn das so weitergeht“, stöhnt der Mann, „sind wir noch nächste Woche oder in 14 Tagen damit beschäftigt.“

Rügen im Ausnahmezustand. Seit Mittwoch ist auf Deutschlands größter Insel nichts mehr wie es mal war. Schon gibt es erste Stornierungen von Urlaubern: Die Menschen haben Angst.

Für Kerstin Kassner, die Landrätin, ging es am Mittwochmorgen um fünf Uhr, kurz nach dem Aufstehen, los. Als sie einen Zettel ihres Mannes vorfand: Die Vogelgrippe hat Deutschland erreicht. Das Virus ist auf Rügen gelandet und hat mindestens zwei Schwäne dahingerafft.

Eine Stunde später erwachte auch Holger Kliewe, 42, der Mann mit dem größten Freilandgeflügelhof auf Rügen. Zurzeit flattern 700 Junghennen, 800 Mastenten, 100 Zuchtgänse, 100 Legehühner und 50 Zuchtenten auf seinem Hof herum – jetzt alle in Ställen untergebracht, versteht sich. Sein Bauernhof befindet sich etwa 15 Kilometer vom Fundort der verendeten Schwäne in einem Ort namens Mursewiek. Kliewe erfuhr von der Meldung, „noch im Bett“, sagt er, „sechs Uhr morgens, aus dem Radio, ich war sofort hellwach“. Jetzt wird es ernst, schoss es dem erfahrenen Landwirt durch den Kopf. Kurz danach klingelte das Telefon, am Apparat der NDR: „Wir kommen dann um acht für die Aufnahmen.“ Seitdem folgt Anruf auf Anruf.

Die Reporter sind von überall gekommen, aus Berlin, aus Hamburg, aus München, aus Holland, aus Dänemark.

Dabei sieht die Insel auf den ersten Blick aus wie immer: Strände, Eis, das hier und da aufbricht. Viele Felder sind schon grün, die aufgehende Saat verdrängt den letzten Schnee. Es ist ein wenig diesig, doch ahnt man die Sonne. Man ahnt den Frühling, die Touristen, die Idylle.

Wenn da nicht die toten Vögel wären. Rügen ist mit einer Küstenlänge von 574 Kilometern ein Paradies für Vögel, auch für Zugvögel, die hier gerne Zwischenstopp machen. Sie kommen im Herbst, wenn es im Norden kalt wird, fliegen weiter in den Süden – und kehren im Frühjahr wieder zurück. Über diesen Weg, über einen infizierten Zugvogel, kam das Virus H5N1 wohl hierher, auch wenn keiner genau weiß, wann und wie. Denn der Frühjahrszug hat noch gar nicht begonnen. War das Virus also schon im Herbst da? Welches Tier schleppte es ein?

Hektik in Bergen, im Landratsamt der Insel. Landrätin Kassner, schwarzer Hosenanzug, roter Schal, steht im minzefarbenen Vorzimmer ihres Büros, dauernd das Telefon.

Mittwochmorgen hat sie einen Krisenstab zusammengetrommelt. Inzwischen hatte sich bestätigt, dass nicht nur zwei Schwäne aus dem Ort Wittower Fähre an dem H5N1-Virus verendet sind, sondern auch ein Habicht in dem etwas nördlicher gelegenen Dranske. Kassner berief eine Pressekonferenz ein und kündigte folgende Maßnahmen an: Die Gebiete im Umkreis von drei Kilometern rund um die Fundorte sind bis auf weiteres „Sicherheitszone“. Das heißt: Kein Zuchttier darf die Zone verlassen. Jedes tote Tier muss sofort gemeldet werden. Außerdem werden Desinfektionsmatten installiert. Aber vor allem gilt zunächst: die toten Tiere einsammeln.

Doch schon allein das erweist sich in den nächsten Stunden als ganz schön schwierig. Es scheint, als würden immer neue tote Vögel auftauchen. Amtsleiter Walter fordert einen Hubschrauber, um die Tiere aufzuspüren.

Sie sind nicht alle wegen H5N1 zu Grunde gegangen. „Die Tiere sterben immer um diese Jahreszeit“, sagt Kliewe. Er sitzt im Restaurant seines Bauernhofs, das über Nacht zu einem provisorischen Pressezentrum mutiert ist. Vor dem Restaurant stehen NDR-Wagen mit Satellitenschüssel.

Ständig funkt die Aufnahmeleiterin des Fernsehsenders dazwischen: „Herr Kliewe, wir gehen in zehn Minuten auf Sendung.“ Kliewes Kopf ist knallrot. Die meisten Tiere, sagt er, sterben, weil es kalt ist „und weil sie nix zu fressen haben“.

Aber einige eben auch, weil in ihnen ein tödliches Virus wütet.

Während Herr Kliewe sich vor die Kamera stellt, steigt ein riesiger Schwarm von Gänsen auf – die Vögel kommen und gehen, setzen sich nieder in den womöglich infizierten Kot. Erschreckend, wie hartnäckig das H5N1-Virus ist: Im Kot kann es bei den gegenwärtigen Temperaturen mindestens einen Monat überleben und ansteckend sein, theoretisch auch für Menschen.

Ein größeres Risiko aber ist, dass die Menschen auf dem Kot herumtrampeln und die Erreger anschließend mit auf einen der Bauernhöfe schleppen. Solange der Erreger nur bei den Wildvögeln tobt, meint Kliewe, bestehe kein Grund zur Panik. „Aber wenn sich die Zuchttiere anstecken, dann können wir den Laden dichtmachen.“

Auf Rügen greift zunehmend Verunsicherung um sich. Ein Mann tritt in Kliewes Hof, bestellt zwei Kilo Fleisch:

„Wollen wir hoffen, dass der Spuk bald vorbei“, sagt der Mann.

„Abwarten“, antwortet die Frau hinter der Theke; es ist Kliewes Ehefrau.

„Damit die Tiere wieder raus dürfen.“

„Ja, wenigstens dürfen die Hunde und Katzen noch raus.“

„Kann man sich an Katzen anstecken?“

Keine Antwort.

Es ist schrecklich, sagt die Landrätin Kassner, schrecklich. „Da versucht man das ganze Jahr Journalisten auf die Insel aufmerksam zu machen – aber jetzt erst kommen sie, jetzt kommen sie alle.“

Holger Kliewe, auf dessen riesigen Bauernhof man auch Urlaub machen kann, hat am Mittwochmorgen schon die erste Stornierung erhalten: Ein Gast, der für die Ostertage gebucht hatte, sagte ab. „Wegen der Vogelgrippe.“

Auch Kliewes Kerngeschäft, der Geflügelverkauf, leidet längst unter der Seuche: Hunderte von schnatternden Mastenten hat der Landwirt übrig, „die sind im Weihnachtsgeschäft nicht weggegangen“. Wenn jetzt auch noch harte Handelsbeschränkungen hinzukommen, sagt er, wäre das tödlich für seinen Betrieb. Das sind Kliewes Sorgen. Sie sind ernst. Die der Vogelgrippe-Experten sind es auch.

Beunruhigend ist vor allem, dass der Erreger jetzt in Deutschland aufgetaucht ist, noch vor dem klassischen Frühjahrszug der Vögel. Einige Experten vermuten deshalb, dass das Virus schon im Herbst hier angekommen ist. Nur wie? Der Erreger H5N1 macht einen Vogel in der Regel schnell so krank, dass er nicht mehr fliegen kann.

Eine Möglichkeit ist, dass das Virus von Zugvogel zu Zugvogel hüpft – von denen es dann immer wieder einige schaffen, noch ein kleines Stück zu fliegen.

Es könnte aber auch sein, dass es resistente Tiere gibt, die das Virus länger mit sich herumtragen, ohne zu erkranken. Derart fliegende Virenschleudern wären besonders gefährlich. Vielleicht gehören die Schwäne von Rügen dazu, und erst der Winter hat sie dermaßen geschwächt, dass der Erreger sie jetzt schließlich doch überwältigte. Wenn es so ist, ist das Virus vielleicht noch gegenwärtiger, als wir denken.

Wie lange, Herr Kliewe, meinen Sie, dauert das Ganze noch? Kliewe steht im Stall, er drückt eine Pommerngans an seine Brust und sagt: „Ich bin Optimist.“

Vielleicht ist er das immer noch, als am Donnerstagabend bekannt wird, dass bei zehn weiteren toten Wildvögeln auf Rügen Hinweise auf das Vogelgrippevirus gefunden worden sind.

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