Zeitung Heute : Viel Geld, wenig Ehr’

Matthias Thibaut[London]

Einige der 15 britischen Soldaten, die zwei Wochen lang in iranischer Haft saßen, haben gegen hohe Bezahlung Interviews gegeben. Wem nützen diese Geschichten und wem schaden sie?


Auf dem Titelblatt der meistverkauften Boulevardzeitung Großbritanniens war am Montag das Bild der blonden Soldatin Faye Turney in ihrer blauen Uniform zu sehen. Daneben stand in großen Buchstaben: „Ausgezogen bis auf die Schlüpfer in der Zelle“. Turney, die am Donnerstag zusammen mit 14 weiteren Marinesoldaten aus iranischer Gefangenschaft entlassen wurde, sprach in der „Sun“ ausführlich über ihren „Leidensweg“. Bis zu 225 000 Euro soll die 26 Jahre alte Matrosin bisher mit Interviews über ihre iranische Haft verdient haben.

Das Verteidigungsministerium gab gegen alle Traditionen und Vorschriften am Samstag den 15 Ex-Gefangenen die Erlaubnis zum freien Verkauf ihrer Geschichten – und löste einen Sturm der Entrüstung aus. Die Proteste gegen den Scheckbuchjournalismus nahmen in den Montagszeitungen fast so viel Platz ein wie die Geschichten der Geiseln selbst. Am späten Montagabend zog Verteidigungsminister Des Brown die Notbremse. Die Regierung verbot den weiteren Verkauf der Erlebnisberichte. Die zuvor erteilte Genehmigung habe „kein befriedigendes Ergebnis“ gebracht, sagte Brown. In Zukunft solle es klare Regeln für ähnliche Fälle geben. „Wir müssen daraus lernen“, sagte er.

„Schäbig und würdelos“, fand Mike Aston, Vater eines 2003 im Irak getöteten britischen Soldaten die Berichte. „Am Tag ihrer Freilassung wurden im Irak vier Armeeangehörige getötet. Nun müssen vier trauernde Familien mitverfolgen, wie andere im Fernsehen feiern.“ Auch Großbritanniens berühmtester PR-Berater, Max Clifford, war erstaunt. Offensichtlich passe es dem Ministerium ins Konzept, wenn die Soldaten ihre Geschichten erzählten – als Teil des Propagandakriegs zwischen dem Iran und Großbritannien. In Zukunft könnten Soldaten am besten Geld verdienen, in dem sie sich dem Feind ergeben und anschließend darüber berichteten, schimpfte ein Abgeordneter. Das Verteidigungsministerium verteidigte die Entscheidung zunächst mit dem Argument, man habe angesichts der „außerordentlichen Umstände“ keine andere Möglichkeit gehabt. Die Erzählungen der Gefangenen wären so oder so an die Öffentlichkeit gelangt, hieß es.

Wahrscheinlicher ist aber, dass die Medienberichte von der Demütigung Großbritanniens durch die Affäre ablenken sollen. Mit ein paar Tagen Verspätung kam der Versuch eines Gegenschlags – und einige politische Kommentatoren sehen die Soldaten schon als „Propaganda-Werkzeuge“ der Regierung Blair missbraucht.

Vor allem Faye Turney steht im Zentrum des Medieninteresses. „Ich wurde mit verbundenen Augen von den Jungs weggeführt. Einer rief, ‚sie werden uns hinrichten’“, sagte sie jetzt. Als sie in der Zelle Sägen und Hämmern hörte und eine Frau Maß an ihr nahm, habe sie geglaubt, man zimmere ihren Sarg. Sie sei sich nach dem erzwungenen Geständnis „wie eine Verräterin“ vorgekommen, sagte sie dem privaten Fernsehsender ITV. Aber sie habe geglaubt, dies sei die einzige Chance gewesen, ihre kleine Tochter wiederzusehen. Die Iraner hätten gedroht, sie müssten wegen Spionage „viele Jahre“ ins Gefängnis, wenn sie keine Geständnisse ablegten.

Der Iran konterte am Montag mit neuen Fernsehbildern: Abreisebereit in ihren grauen Anzügen werden die Gefangenen gezeigt, sie essen oder spielen Schach. Einige der Gefangenen lachen. Im „Mirror“ lästerte unterdessen der Marinesoldat Arthur Batchelor über die „Abschiedsgeschenke“: Billige Anzüge, ein „unechtes Boss-Hemd“ und „eine DVD, die nicht funktioniert“, seien in der Tüte gewesen. „Aber den iPod, den meine Freundin mir schenkte, haben sie behalten“, sagte er.

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