Zeitung Heute : Viel Gold, viel Blei

Wer geht freiwillig in den Irak? Besuch bei einer privaten Sicherheitsagentur

Alexander Visser

Vor dem roten Backsteinbau, der früher mal eine Kaserne war, sind zwei Dutzend Männer und eine Hand voll Frauen angetreten. In ihren blauen Uniformen versuchen sie, eine militärische Haltung anzunehmen. „Mahlzeit“ grüßt der Chef, „Mahlzeit“ tönt es nicht gerade zackig zurück. Bei der Armee würde man das jetzt noch ein paar Mal üben. Doch die Auszubildenden an der Sicherheitsfachschule wollen nicht Soldaten werden, sondern Werkschützer oder Luftsicherheits-Assistentinnen. Nur eine kleine Minderheit hat sich für den besonders harten Kurs „Personenschützer“ entschieden. Wer ihn durchsteht, hat die Aussicht auf einen lukrativen Job als Sicherheitskraft im Irak. Bewerber, sagt Björn-Michael Birr, der die Lübecker Baltic Safety Network Akademie vor sieben Jahren gegründet hat, gibt es viele. „Gut ausgebildete Sicherheitskräfte können im Irak 1000 bis 2000 Dollar am Tag verdienen.“ Drei Männer hat er an Unternehmen und Hilfsorganisationen vermittelt, rund 30 weitere Anfragen aus dem Irak liegen vor. Johannes Schmidt*, einer der Ausbilder der Akademie, könnte der Nächste sein, der sich in das Krisengebiet wagt. „Außer im Lotto“, sagt Schmidt, könne man kaum irgendwo so schnell so viel Geld verdienen wie derzeit als Sicherheitskraft im Irak.

Wie kein zweiter militärischer Konflikt wird der Kampf um die Kontrolle des Irak mit Hilfe privater Sicherheitskräfte aus dem Ausland geführt. Mindestens 6000 sollen es sein, manche Quellen gehen sogar von 15000 Mann aus. Sie sind nach den USA und Großbritannien die drittgrößte Besatzungsarmee. Hinzu kommen tausende angestellte Iraker. Die Privattruppen schützen Transporte, Gebäude oder gefährdete Personen, und halten den Armeen so den Rücken frei für den aktiven Kampf gegen Aufständische. Von den 18 Milliarden Dollar, die die USA für den Wiederaufbau im Irak einsetzen, gehen nach einer Schätzung der „New York Times“ bis zu 4,5 Milliarden an private Sicherheitsdienste.

Die Großaufträge der Besatzungsmächte bekommen amerikanische und britische Unternehmen. So sorgt die US-Firma Blackwater mit ehemaligen amerikanischen Elitesoldaten für den Schutz von US-Zivilverwalter Bremer. Auch Firmen und Hilfsorganisationen, die am Wiederaufbau beteiligt sind, suchen sich eigenes Sicherheitspersonal. Wie gefährlich der Job ist, haben mehrere Fälle in den vergangenen Wochen gezeigt. Ende März wurden vier amerikanische Sicherheitskräfte in Falludscha getötet, ihre Leichen geschändet. Im April wurde ein Italiener vor den Augen seiner Kollegen erschossen. Das amerikanische Brookings Institute schätzt die Zahl der getöteten ausländischen Sicherheitskräfte im Irak auf mindestens 30, etwa 180 sollen bisher verletzt worden sein.

Wie viele Deutsche als private Sicherheitskräfte im Irak arbeiten, lässt sich kaum ermitteln. Zur Botschaft in Bagdad haben sie nach Angaben des Auswärtigen Amtes keinen Kontakt. Kein Wunder, dort würde man ihnen raten: Reist sofort aus! Nach dem Tod der zwei Bundesgrenzschutzbeamten will man weitere deutsche Opfer vermeiden. Doch für Birr ist der Irak erst der Anfang. Hinter seinem Schreibtisch hängt eine riesige Europakarte, auf dem Konferenztisch stehen Wimpel von EU, Nato und den Vereinten Nationen: Birr denkt global. Er kann sich seine Männer auch in Afghanistan vorstellen.

Im Mai beginnt ein Kurs für Personenschützer, der acht Wochen dauert. „Nicht gerade sehr viel Zeit“, sagt Martin Hildebrandt vom Bundesverband deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen. Über die Inhalte der Ausbildung kann er nichts sagen. Acht Wochen – reicht das aus, um Männer auf ein Land vorzubereiten, aus dem fast jeden Tag neue Bombenanschläge, Gefechte und gewaltsame Demonstrationen gemeldet werden? Reicht das für ein Land, in dem Sicherheitskräfte Aufgaben übernehmen, die in Demokratien Polizei oder Armee vorbehalten sind? „Die meisten Kursteilnehmer waren vorher bei der Polizei oder der Bundeswehr“, sagt Birr. „Und Abenteurertypen lassen wir ohnehin nicht zur Ausbildung zu.“ In den Irak will der frühere Grenzschützer nur „charakterlich gefestigte“ Absolventen entsenden. Die Ausbildung sei viel härter als normaler Wehrdienst: Schlafentzug, Hungertraining, simulierte Kampfeinsätze in Kellern und Bunkeranlagen der früheren Kaserne. Erfahrungsgemäß steht nur die Hälfte der zehn Bewerber die rund 5000 Euro teure Ausbildung bis zum Ende durch. Als Zusatzqualifikation soll die Ausbildung jetzt erstmals ein so genanntes „Culture Training“ für islamische Länder umfassen. Ein arabischer Sprachlehrer erklärt, was es mit Sunniten, Schiiten, Ramadan und Muezzin auf sich hat. Nur das Feuern mit automatischen Waffen, ohne die sich Sicherheitsleute im Irak kaum auf die Straße trauen, müssen die Personenschützer vor Ort üben.

Schmidt war bei den Fallschirmjägern der Bundeswehr und ist Hauptfeldwebel der Reserve. Er spricht nicht von Gefahren, lieber von Risiken. „Damit kann ich umgehen“, sagt er. Er wirkt entschlossen, den Job anzunehmen. Der Mann mit dem akkurat gestutzten Kinn- und Schnurrbart ist 37 Jahre alt, er ist verheiratet und hat eine Tochter. Seine Frau sei nicht gerade begeistert, „aber sie weiß, dass ich das Risiko einschätzen kann“, sagt er. Schmidt vertraut auf seine Erfahrung und schwarz-rot-gold. Im Irak wird er die deutschen Farben an der Kleidung tragen, denn „die Deutschen sind dort extrem gut angesehen“, sagt er. Doch auch eine deutsche Flagge am Auto schützt nicht vor ferngezündeten Bomben. „Für den Supergau“ sorgt Schmidt mit einer Lebensversicherung vor.

Was bringt einen Familienvater dazu, sein Leben in einem fremden Land zu riskieren? Schmidt reizt die Herausforderung und natürlich auch das Geld. Doch es gehe ihm um mehr: „Seit den Anschlägen von Madrid ist doch klar, dass auch wir in Europa vom Terror bedroht sind.“

*Name von der Redaktion geändert

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