Zeitung Heute : Viel Interesse, wenig Eiferer

Der Tagesspiegel

Von Juliane von Mittelstaedt

Im Krieg zwischen Israel und den Palästinensern ist ein Ende nicht in Sicht. Solidaritätsdemonstrationen für die eine und die andere Seite haben Berlin schon lange erreicht. Doch was tun die Studenten? Wie wird an den Hochschulen der aktuelle Nahost-Konflikt diskutiert?

Bei den Studentenprotesten der 60er und 70er Jahre galt beim Thema Nahost die Solidarität klar den Palästinensern, der Protest dagegen dem „Aggressor Israel“. Die karierten Palästinensertücher prägten das Bild so mancher Veranstaltung. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 wurde beispielsweise zum Boykott von Jaffa-Apfelsinen (aus Israel) aufgerufen. Heute hört man dagegen von Studenten öffentlich kaum Entrüstung über Israels „Operation Schutzwall". Doch was ist die Ursache? Sieht diese Studentengeneration den Konflikt differenzierter oder erstickt ihr Widerspruch schlicht an bequemer Selbstgenügsamkeit?

Nein, eine eigene Studentendemo sei nicht geplant, heißt es beim Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) der Freien Universität. Das liege aber nicht am Desinteresse. „Der Nahostkonflikt bewegt unsere Studenten ungeheuer", meint ein AStA-Sprecher. Und viele hätten sich schon an den Demonstrationen „gegen die israelische Politik" beteiligt. An der Hochschule selbst planten palästinensische Gruppen Vortragsreihen und wollten Fotos von Opfern ausstellen.

Eine differenzierte Haltung

Der Leiter der Arbeitsstelle „Politik des Vorderen Orients" am Otto-Suhr-Institut, Friedemann Büttner, hat 1982 noch einen Aufruf gegen Israels Einmarsch in den Libanon initiiert. Heute sieht er sich als vorbehaltslosen Kritiker all jener, die „den Osloer Friedensprozess durch Taktieren und Lavieren gefährden“. Der Studentengeneration der 70er und 80er- Jahre bescheinigt er „Einseitigkeit und Verblendung". Seine Studenten heute hätten dagegen eine „ausgesprochen differenzierte Haltung". Sie setzten sich sensibler mit der deutschen Vergangenheit auseinander. In seinen Seminaren, so Büttner, spüre er oft auch „Angst vor Antisemitismus". Ideologisch gefärbte pro-palästinensische oder pro-israelische Positionen würden von den Studenten kaum vertreten. Allerdings, so räumt er ein, „gibt es, wie immer in Krisenzeiten, eine Verschärfung von Einseitigkeit". FU-Professor Peter Grottian befürchtet sogar einen „Aufheizungs- und Radikalisierungsprozess" an den deutschen Hochschulen – als Reaktion auf die Gewalteskalation im Nahen Osten. Dies könnte sich etwa bei den Demonstrationen zum 1.Mai zeigen.

Doch auch wenn die Renitenz der Studenten spürbar abgeflaut ist, bedeutet das kein geringeres Interesse. So nahmen mehr als hundert Studenten im letzten Semester an Büttners Seminar zum Nahostkonflikt teil. Ähnliches beobachtete auch Gudrun Krämer, Professorin am Institut für Islamwissenschaften. Schließlich hat sich die Zahl der Neuimmatrikulierten in ihrem Fach innerhalb eines Jahres verdoppelt. Besonders in die Arabisch-Kurse drängten drastisch mehr Studenten – kein kurzfristiger Trend, sondern eine Entwicklung, die seit Jahren andauere. Unter dem Titel „Moderner Vorderer Orient" stellen die angrenzenden Fachbereiche seit Jahren ein interdisziplinäres Vorlesungsverzeichnis zusammen, das eine Auswahl der Seminare und Vorlesungen des Instituts für Islamwissenschaft, Iranistik, Turkologie, Ethnologie sowie der Arbeitsstelle „Politik des Vorderen Orients" und des Osteuropa-Institutes an der Freien Universität vereint.

Der andauernde Krieg in Nahost schlägt sich sichtbar in den Vorlesungsverzeichnissen nieder. So startete Friedemann Büttner mit mehreren Kollegen eine Vorlesung zu „Regionalen Konflikten im Nahen Osten“. Für Hörer aller Fachrichtungen startet das interdisziplinäre Zentrum am 24. April eine Ringvorlesung mit dem Titel „Religiöse Autorität in den Gesellschaften des Vorderen Orients" und an der Humboldt-Universität beleuchten zahlreiche Veranstaltungen die Zusammenhänge von Religion, Recht und Politik in dieser Region.

Der Politikwissenschaftler Klaus Schlichte verweist darauf, dass der Schwerpunkt „Moderner Orient" durch ein Abkommen zwischen den beiden Hochschulen an der Freien Universität verankert ist. Auch er beobachtet, dass die in den „80er-Jahren ausgeprägte pro-palästinensische Einstellung bei den Studenten" nicht mehr so stark ist. Aktionen oder Initiativen zum Nahost-Konflikt gäbe es an der Humboldt-Universität seines Wissens nicht. Auch Studenten wissen davon nichts. An den sozialwissenschaftlichen Fakultäten der Technischen Universität und am Zentrum für Antisemitismusforschung ist der aktuelle Konflikt im Nahen Osten ebenfalls kein Thema in der Lehre.

Insgesamt findet sich jedoch nirgendwo im deutschsprachigen Raum eine solche Dichte Nahost-bezogener Fächer wie an den Berliner Universitäten und selten waren die Lehrveranstaltungen so überlaufen wie im vergangenen Wintersemester. Auch im gerade beginnenden Semester zeichnet sich ein deutlicher Trend ab: Der Nahost-Konflikt ist das Thema für eine Vielzahl von Studenten der entsprechenden Fächer. Aber die eifrige Schwarzweißmalerei von früher hat eine neue Resignation abgelöst. Anstelle von Boykott-Appellen flattern an den Schwarzen Brettern nur Wohnungsgesuche und wo einst Flugblätter verteilt wurden, stehen heute die Zeitungswerber. Die Luft ist raus, für die meisten spätestens seit Beginn der Al-Aksa-Intifada und der Wahl Scharons.

„Es gibt nur Fakten“

Viele Studenten verzagen angesichts der absurden Gewalt, die auf dem mit Hass angeheizten Scheiterhaufen des Friedensprozesses lodert. Angesichts der Eskalationspolitik von Palästinenserpräsident Arafat und von Israels Ministerpräsident Scharon will sich kaum ein Student mehr vorbehaltlos auf eine Seite schlagen, wenngleich die pro-palästinensische Parteinahme weiterhin überwiegt. Zwar wird lebhaft und unermüdlich diskutiert, auch mal lautstark und unter Tränen, aber Boykottaufrufe, wie jetzt gegen israelische Wissenschaftler, hält das Gros von ihnen für sinnlos.

Sawsan Chebli, Politikstudentin am Otto-Suhr-Institut, urteilt so: „Die Studenten in den siebziger Jahren waren unüberlegt pro-palästinensisch. Es gibt aber kein eindeutiges pro-palästinensisch oder pro-israelisch. Es gibt nur Fakten." Und diese Fakten sind die Menschenrechte. Ihre Verletzungen gilt es zu kritisieren, wo immer sie geschehen und von wem immer sie begangen werden – so jedenfalls sehen es viele in der neuen Studentengeneration.

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