Zeitung Heute : Viel Lob für die Ruine

In Chorin begründete Karl Friedrich Schinkel den Denkmalschutz in Preußen

Helmut Caspar

Während der Sommerkonzerte wird das Kloster Chorin eine stimmungsvolle Kulisse abgeben. Doch das ist noch längst nicht alles, was es über diesen Ort zu sagen gibt: Denn in der altehrwürdigen Ruine wurden im frühen 19. Jahrhundert die Grundlagen der Denkmalpflege in der Mark Brandenburg, ja in Preußen gelegt.

Nach den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 kamen „nationale“ Altertümer in Mode. Was man bisher bedenkenlos abgerissen hatte, wurde für Könige und Künstler wichtig. Karl Friedrich Schinkel, Preußens oberster Baumeister, fand bei einem Besuch in Chorin viel Lob für die Ruine und tadelte den Pächter des als Stall und Scheune genutzten Anwesens. Für seinen König Friedrich Wilhelm III. verfasste der Chef der Oberbaudeputation 1817 ein Gutachten, das als Gründungsurkunde der Denkmalpflege in Brandenburg und Preußen gelten kann.

Darin äußerte sich Schinkel über die herausragende Bedeutung des ehemaligen Zisterzienserklosters, das nach der Säkularisation 1539 mehr und mehr verwahrloste und sich nur noch als Ruine darbot. „Bei der Seltenheit solcher Denkmäler in dieser Provinz wird die Erhaltung eines solchen zur Pflicht“, forderte Schinkel. Auch könnten sich die Baumeister der Provinz dafür interessieren, „damit das willkürliche Einreißen und Verbauen dieser Altertümer vermieden und auf dem Lande der schönste Schmuck solcher Denkmäler erhalten werde“.

Schinkels Forderungen waren schneller geschrieben als durchgesetzt. Der Pächter leistete Widerstand, er befürchtete zusätzliche Kosten und Einbußen. Ein Denkmalpflege-Gesetz, wie wir es heute kennen, gab es nicht, Beihilfen waren unbekannt. Im Umgang mit vielen Bau- und Kunstwerken konstatierte Schinkel Willkür, Unkenntnis, Sorglosigkeit und mangelndes „Gefühl für das Ehrwürdige dieser Gegenstände“. Dennoch wurde Schinkels Appell erhört. Die Choriner Bauakten verzeichnen für die Jahre 1831 bis 1834 Reparaturarbeiten und später Restaurierungsmaßnahmen.

Den Denkmalämtern trug Schinkel auf, willkürlichem Einreißen vorzubeugen. Kein Schritt dürfe mehr ohne Rückfrage bei den Schutzdeputationen unternommen werden, und es sollten Verzeichnisse darüber angefertigt werden, was man im jeweiligen Bezirk vorfindet, verbunden mit Vorschlägen für Erhaltungs- und Nutzungsmaßnahmen. Solche nach ihrem Erfinder Georg Dehio benannten Inventare sind heute ein „Muss“.

Der 1841 in Berlin verstorbene Schinkel erlebte nicht mehr, wie die Denkmalpflege in Preußen langsam an Boden gewann. Zum ersten preußischen Konservator berief König Friedrich Wilhelm IV. 1843 Ferdinand von Quast, einen Schüler von Schinkel. Auch für Quast waren Unwissenheit, Gewinnstreben, falsche Verschönerungssucht und kurzsichtiges ökonomisches Denken, das auf schnelle Erfolge ausgerichtet ist, die größten Feinde von Denkmalschutz und Denkmalpflege. Bis heute dürfte sich daran nicht viel geändert haben.

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