Zeitung Heute : Viel reden, viel gehen, viel Döner

Ihre Arbeit ist gefährlich: Sie sehen fast alle Verletzungen, die man sich vorstellen kann. Deshalb steckt unter ihrer Zivilkleidung immer eine Pistole. Aber die „Operative Gruppe Jugendgewalt“ der Polizei muss nicht nur oft hart eingreifen, sie muss auch Sozialarbeit leisten – wie in Wedding.

Werner van Bebber

Leicht schlingernd überquert der dürre Bärtige die Müllerstraße in Wedding. Seinen Döner trägt er vor sich her. Vor dem zivilen VW-Bus der Polizisten der Operativen Gruppe Jugendgewalt (OGJ) steigt er den Bordstein hoch. „Na, Meister“, grüßt Christian Seidler, Polizeioberkommissar und Leiter der OGJ. Wie seine drei Kollegen trägt Seidler Zivil – T-Shirt, Jeans, Anorak. Der Dürre schafft den Bordstein, ohne den Döner zu verlieren und sagt: „Bisschen viel getrunken.“ Dann schlingert er seines Weges. Wedding an einem beliebigen Abend.

Seidler und seine drei Kollegen wollen zu einem Mann namens Ibrahim. Als er aufmacht, öffnet sich die Tür ins multikulturelle Berlin. Ibrahim hat eine Großfamilie zu Besuch. Im Licht eines wahrscheinlich arabischen Fernsehprogramms speisen Vater, Mutter und viele Kinder Tomatensalat, Fladenbrot, Lamm und Hühnchen. Freundlich lachen sie die Polizisten an. Ibrahim soll den Polizisten ein paar Angaben bestätigten: Ein junger Mann namens Michael*, der momentan in einer Zelle der Polizeidirektion 3 sitzt, hat behauptet, er wohne bei Ibrahim. Eine Meldeadresse hat Michael nicht. Die Polizisten wissen, dass er dabei war, als ein Kumpel einem Trinker mit Schlägen den Kiefer brach und ihm das Portemonnaie wegnahm. Ein Zeuge hat die beiden am Tatort gesehen und an diesem Nachmittag wiedererkannt. Michael hat bei der Festnahme nur seinen Namen und die Adresse angegeben und ansonsten mürrisch geschwiegen. Seidler und seine Kollegen prüfen nun bei Ibrahim in der Müllerstraße, ob Michael wenigstens bei der Adresse ehrlich war.

„Die Leute kennen uns“

Michael und sein Kumpel Andreas – der mutmaßliche Schläger – sind typische Fälle für die OGJ, und viele Abende verlaufen wie dieser: Die Polizisten, die zu zweit, zu dritt, zu viert unterwegs sind, nehmen jemanden fest, wegen Raubes, Körperverletzung, Diebstahl. Oder sie überprüfen Aussagen, sprechen mit Zeugen, mit Opfern, auf der Suche nach Einzelheiten, die für einen Haftbefehl und die Anklage der Staatsanwaltschaft wichtig sind. Viel reden, viel fahren, viel laufen, viel Kaffee, viel Döner. Bei einer Festnahme, oder wenn sie in eine Wohnung gehen und auf jede Überraschung gefasst sein müssen, schießt der Adrenalinspiegel hoch.

Acht Mitarbeiter hat die Operative Gruppe Jugendgewalt. Die meisten sind zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Ihre Zivilkleidung ist weit genug, um die Pistole und die Handfesseln am Gürtel zu bedecken. Aber auch Prävention , das Reden mit Jugendlichen in Schulen und Jugendclubs, gehört zu ihrer Arbeit. „Wir arbeiten nicht verdeckt, die Leute kennen uns“, sagt Seidler. Seine Kollegen und er sind Polizisten, ein bisschen auch Sozialarbeiter, im Kiez bekannt, mit der Gegend vertraut. Wenn eine Schlägerei nicht stattfindet, weil plötzlich vier OGJ-Polizisten auftauchen, ist das für sie ein Erfolg. Von den acht Polizisten in dieser Einheit setzt keiner nur auf Strafverfolgung und Repression. „Auf jeden Fall“ machten zwei, drei Jahre Haft in Plötzensee die Leute schlechter, sagt Seidler.

Wedding ist für die OGJ der Direktion 3 in der Perleberger Straße eine neue Errungenschaft, hinzugekommen zum Einsatzgebiet Tiergarten und Mitte durch die Polizeireform. Jetzt, in der Nacht, bemerkt Polizist Hannes, dass an fast jeder Straßenecke junge Männer herumstehen: ein bisschen gelangweilt, sehr cool, sie warten auf nichts oder auf Unterhaltung oder auf Ärger oder auf einen, dem man Ärger machen kann. Es war ein rasanter Tag für die vier Polizisten: Zwei Festnahmen, die eine gegen den Widerstand der Schwestern des Beschuldigten.

Wedding hat ein bisschen multikulturellen Charme und ziemlich große multikulturelle Probleme. Dazu gehören Generationen von Intensivtätern – junge Männern, die prügeln, rauben, erpressen und ganze Serien von Straftaten begehen, bis sie für zwei oder drei Jahre ins Gefängnis wandern. Die Jungen – ein paar seriell-kriminelle Mädchen gibt es auch –, mit denen es die OGJ zu tun hat, sind zwischen 14 und 21, haben deutsche, türkische, libanesische oder arabische Eltern oder Eltern aus dem zerfallenen Jugoslawien. Wenn sie sich zusammentun, dann selten nach Nationalitäten, sondern weil sie sich aus der Schule und von der Straße kennen.

Die Intensivtäterkriminalität ist oft spontan, immer hässlich und demütigend für die Opfer, nicht immer brutal, manchmal banal – und sie bestimmt die Atmosphäre in Teilen von Tiergarten und Wedding. Das macht sie gefährlich. Seidler hat in einigen Jahren in der Direktion so ziemlich jede Verletzung gesehen, die man sich vorstellen kann. Blaue Augen, aufgeplatzte Lippen sind normal, Messerstiche auch, Schüsse eher selten. „Wir hatten mal einen“, erzählt er, „der seinem Opfer den Schädel mit einer Gehwegplatte eingeschlagen hat“. Den Betrunkenen mit dem gebrochenen Kiefer hat er nicht gesehen. Aber er weiß, wie so was aussieht, und dass man entschlossen zuschlagen muss für einen Kieferbruch. Der Mann liegt noch im Krankenhaus.

Michael, der nichts außer seiner Adresse in der Müllerstraße zugeben wollte, muss sich jetzt auf eine Nacht in der Zelle einstellen. Er hat im Gespräch mit Seidler keine Regung erkennen lassen. Raub? Jemandem etwas gebrochen? Michael wollte wissen, ob er noch etwas zu essen bekommt an diesem Abend. Die Polizisten kennen diese kalte Selbstdarstellung, Ungerührtheit ist Tugend Nummer eins. Ob 15 oder 19, die Jungs sind gegenüber Polizisten kess. „Polizeiabgeklärtheit“ nennt das die Polizistin Anja, 27. Den coolsten Auftritt hatte an diesem Abend nicht Michael, sondern dessen Kumpel Andreas. Deutscher Vorname, türkischer Nachname, das ist nicht selten unter den Jugendlichen der dritten Generation der Zuwanderer. Andreas, keine 1,70 groß, hager, trägt die Haare oben halblang und saftig gegelt. Schläfen und Hinterkopf hat er rasiert.

Auch er verbringt den Abend in Polizeigewahrsam. Am Nachmittag ist er festgenommen worden. 25 Minuten dauert Seidlers Gespräch mit ihm, freundlich im Ton, unmissverständlich in der Sache. Am Anfang der Vorwurf: Du wirst eines Raubes beschuldigt. Andreas verzieht keine Miene. Seidler sagt ein bisschen mehr von dem, was er weiß, und Andreas gibt ein bisschen mehr von dem zu, was er gemacht hat. Noch hofft er, dass Seidler ihn laufen lässt – seine Meldeadresse stimmt, er wohnt noch bei den Eltern. „Geschubst“ habe er den Betrunkenen, natürlich erst, nachdem der ihn angerempelt habe. Ins Gesicht geschlagen? Kiefer gebrochen? Keine Erinnerung. Andreas lässt den Rauch seiner Zigarette langsam den Lungen entweichen. Am Ende hat er die Körperverletzung zugegeben und den Raub des Portemonnaies. Er bestreitet, dass mehr als zwei Euro drin waren. 150 Euro will der Betrunkene bei dem Überfall los geworden sein. Intensivtäterkriminalität hat, was die erbeuteten Summen anbelangt, oft etwas Billiges.

Seidlers Kollegin Anja, 27, erzählt von jungen Räubern aus dem zerfallenen Jugoslawien, die das Geld nicht für sich ausgaben, sondern ihren Leuten zu Hause überwiesen. Das ist wohl die Ausnahme. Anja hat, wie ihre Kollegen auch, ein Minimal-Verständnis für die jungen Kriminellen. Die Libanesen oder Jugoslawen hätten eben „keine Perspektive“, sagt sie. Arbeiten dürfen sie nicht, eine Lehre machen dürfen sie auch nicht. Anja und ihre Kollegen wissen, dass sie es mit jenen zu tun haben, über deren Rechte und Pflichten die Politiker sich nicht einigen können.

Allerdings glaubt wohl auch keiner in dieser Einheit, dass Strafen nichts bewirken. Deshalb achten die Polizisten der OGJ auf gute Beziehungen zur Staatsanwaltschaft. Manchmal sei es sinnvoll, sagt Seidler, den Kollegen dort einen Fall noch mal zu erläutern oder Fotos der Opfer zu zeigen. Noch immer gibt es in der Staatanwaltschaft eine gewisse Neigung zur Milde im Umgang mit jungen Straftätern. Sie sehen eben vor allem Akten. Seidler sagt, die Neutralität der schriftlichen Darstellung verdecke oft, wie brutal die Täter ihre Opfer misshandelten. Dafür habe man eine Opfermappe – Fotos von Verletzten bis hin zum Fall mit der Gehwegplatte.

Andreas, der zart gebaute Schläger, schweigt unterdessen immer noch über den dritten, der dabei war. Seidler denkt gar nicht daran, ihn gehen zu lassen. Andreas ist nicht zum ersten Mal aufgefallen. Von der eigenen Lage seltsam unbetroffen, lässt er sich in die Zelle zurückbringen. Am Ende dieses Abends, deutlich nach Mitternacht, werden Seidler und seine Kollegen Samira, Allessandra und Hannes eine Körperverletzung mit Raub an einem Betrunkenen zu mehr als zwei Dritteln aufgeklärt haben. Sie haben zwei Beschuldigte in Gewahrsam, über deren Verbleib am Tage danach der Haftrichter zu entscheiden haben wird. Zwei scheinbare Leichtgewichte mit verschlossenen Gesichtern in Sportsachen sind bis auf Weiteres von den Straßen in Tiergarten, in Moabit, in Mitte, in Wedding ferngehalten. Der Haftrichter wird sich am folgenden Tag, mehr noch als Seidler, über die Ignoranz der beiden ärgern und sie in die Untersuchungshaft schicken. Dass die Polizei hier sozialpolitische Aufräumarbeit macht, ist allen bewusst.

Gehst du Kutschi?

Anja, Samira und Hannes parken in der Wollankstraße. Sie forschen nach den „Kutschi-Boys“. Das ist eine Südländer-Gang, die sich vorzugsweise am Kurt-Schumacher-Platz trifft. Drei südländische junge Männer, die mit Blick auf den Verkehr in der Wollankstraße auf einer Schaufensterbank sitzen und den Tag dahinfließen lassen. Dreimal der gleiche Typ: Kurze Haare, vorne hochgegelt. Sporthose, Sportschuhe, Sweatshirt.

„Guten Tag, die Ausweise und die Handys bitte“, sagt Polizistin Anja und hält die Hand auf. Das bringt nur einen der drei zum Staunen. Er macht große Augen. „Was machst Du Paranoia, setz dich hin“, herrscht Nummer zwei ihn an. Während Polizist Hannes im Auto die Personalausweise der drei und die Handys überprüft, versucht sich Nummer zwei im Anmachen der Polizistin. Nummer drei winkt zwei Mädchen zu, die vorbei kommen. „Gehst du Kutschi?“, fragt er die eine – sie nickt. Nummer zwei, ein Kosovo-Albaner, erweist sich im Polizeicomputer als Intensivtäter, doch steht er nicht auf der Fahndungsliste. Anja und Samira machen ein paar Polaroid-Fotos von den dreien. Nummer zwei zieht dazu schnell die silberne Jacke aus, angeblich ist ihm plötzlich warm. Das führt zu der Frage, wo er die Jacke gekauft habe und einem Extra-Jacken-Foto. Wer weiß, ob nicht bald einer auf der Direktion erscheint und sagt, er sei „abgezogen“ worden und seiner Jacke beraubt. Bis bald, verabschieden sich die Polizisten.

Auf der Fahrt reden Samira, Anja und Hannes über ihre neueste Aufgabe: Zwölf Stunden müssen sie einzeln Objektschutzstreife fahren – am Kanzleramt und an Politikerwohnungen in Mitte vorbei. Die ehemals zuständige Einheit ist aufgelöst worden, der Senat verkleinert die Polizei. „Unsere Arbeit bleibt in dieser Zeit liegen“, sagt Hannes trocken.

*Namen der Verdächtigen geändert

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