Zeitung Heute : VIEL VERGNÜGEN: Berlin im Karneval: Love Alaaf!

HARALD MARTENSTEIN

Viele Intellektuelle werfen der Love Parade vor, daß sie keinen edleren Inhalt transportiert als den puren Hedonismus. Wirkt sie etwa nicht wie eine Parodie auf die politischen Hoffnungen vergangener Jahrzehnte, die Parodie einer Demonstration? Brokdorf, Gorleben, Woodstock, diesmal als Farce? Ein Massenaufmarsch, aber diesmal ein Massenaufmarsch glücklicher Konsumenten?Die Love Parade ist kommerziell. Diese Tatsache wird ihr mit besonderem Grimm vorgehalten. "Kommerziell" gehört zu den Schlüsselworten der Epoche, ähnlich wie "Natur". "Natur" steht stets für das Andere, Reine, Unbefleckte. "Kommerziell" heißt alles Unreine. Beides sind gedankliche Konstruktionen. Denn nirgendwo auf dem Planeten gibt es mehr "Natur", also einen Zustand, der vom Menschen unbeeinflußt wäre. Und fast alles ist "kommerziell". Beide Begriffe treten in Berlin alljährlich in direkte Konkurrenz - wenn es um die gefiederten Bewohner des Tiergartens geht, die von der Love Parade beim Brüten und Turteln gestört werden. Hier die angebliche "Natur" des Tiergartens, dort die "kommerzielle" Love Parade.Berlin ist Bonn geworden. Denn was ist die Love Parade? Eine zeitgenössische Fortentwicklung des rheinischen Karnevals, begangen zu einer günstigeren Jahreszeit. Auch der Karneval hat politische Wurzeln, die inzwischen vergessen sind. Auch beim Karneval tanzen die Teilnehmer zu lauter, eintöniger Musik auf der Straße. Auch beim Karneval geht es um Hedonismus, um kommerzielle Interessen und um eine Masse, die sich sinn- und ziellos selber feiert, zum Teil unter Drogeneinfluß. Die Mainzer Fassenacht hat etliche Parolen hervorgebracht, die sich in ihrer gutgelaunten Unbestimmtheit sehr gut zum Motto künftiger Love Paraden eignen würden. "Allen wohl und niemand weh" zum Beispiel.Den kulturkritischen Betrachtungen, die alljährlich aus Anlaß der Love Parade verfaßt werden, ist deshalb mit Vorsicht zu begegnen: Häufig laufen sie auf den Versuch hinaus, mit Hilfe der Parade eine ganze Generation zu erklären. Angeblich handelt es sich um eine unpolitische Spaßgeneration. Aber die Teilnehmer der Parade sind eine mindestens ebenso heterogene Gruppe wie die Teilnehmer am Mainzer, Kölner oder Bonner Karneval. Nächste Woche werden die meisten von ihnen wieder ernsthaft einem Beruf nachgehen oder einer Ausbildung, sich ernsthafte Gedanken machen oder sich politisch engagieren. Wenn drei tolle Tage eine "Spaßgeneration" definieren, dann hat es in Süddeutschland seit fast 200 Jahren eine Spaßgeneration nach der anderen gegeben. Denn so lange wird da unten schon Karneval gefeiert; andere Länder haben noch viel früher damit angefangen.Einem allzu regulierten Alltag wird eine kurze Phase der zügellosen Anarchie entgegengesetzt: Das ist der Zweck des Karnevals. Man entgleist, um anschließend wieder eine Weile im Gleis fahren zu können. Der Karnevalist ist deshalb geradezu das Gegenteil einer Spaßgeneration. Indem er feiert, macht er sich - wie man heute sagen würde - fit für den Alltag.Mit Karneval hatten die Preußen nie etwas am Hut. Sinnfreies Entgleisen entspricht nicht den Berliner Traditionen. Und jetzt werden wir eine Rucki-Zucki-Metropole? Wahrlich, die Geschichte geht gnadenlos mit dieser Stadt um! Nun freue dich, Berlin.

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