Zeitung Heute : Viel Wind auf hoher See

Anselm Waldermann

Mecklenburg-Vorpommern hat den Weg für einen Windpark in der Ostsee frei gemacht. Wie kommt es, dass Deutschland bei der Windkraft führend ist, aber in der Offshore-Technik hinterherhinkt?

Fast vier Milliarden Euro haben die Hersteller von Windrädern im vergangenen Jahr in Deutschland verdient – so viel wie in keinem anderen Land der Welt. Dennoch sind sie nicht zufrieden: Denn sie machen ihre Umsätze allein an Land. Offshore, also im Meer, haben andere Länder Deutschland längst überholt: In Großbritannien gibt es Offshore-Windparks mit insgesamt 200 Megawatt (MW) Leistung, in Dänemark sind es sogar 400 MW. Hier zu Lande hingegen gibt es keine einzige Anlage auf hoher See.

„In Deutschland haben wir ein natürliches Problem“, erklärt Ralf Bischof, Vorstandssprecher des Bundesverbands Windenergie. „Der Zugang zum Meer ist deutlich schwieriger als andernorts.“ So verhindere der Nationalpark Wattenmeer in der Nordsee den Bau von Offshore-Anlagen in Küstennähe. Auch die dichte Schifffahrt an der Elbmündung sowie in der Ostsee bereite Schwierigkeiten. „Wir müssen mit unseren Projekten viel weiter rausgehen als andere.“

Das jedoch treibt die Kosten in die Höhe – schließlich ist ein Fundament in 40 Metern Tiefe teurer als in seichten Küstengewässern. Entsprechend vorsichtig sind die Banken bei der Kreditvergabe. Damit sich der Betrieb eines Offshore-Parks trotz der Kosten lohnt, müssen die Anlagen zudem eine besonders hohe Energieausbeute liefern und entsprechend groß sein. So hat die Firma Repower ein Windrad entwickelt, das auf eine Nennleistung von fünf MW kommt – doppelt so viel wie die meisten herkömmlichen Anlagen. Allerdings läuft derzeit erst der Testbetrieb an Land.

Daneben sieht Bischof die Verantwortung vor allem bei den staatlichen Stellen: „Um einen einzigen Park zu genehmigen, sind bis zu 13 Behörden involviert.“ So hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie bereits den Bau von acht Windparks in Nord- und Ostsee genehmigt. Für die Verlegung der Kabel sind jedoch die Bundesländer zuständig – und die stellen sich oft quer. Auch die betroffenen Küstengemeinden wollen ein Wort mitreden: So erwägt das Seebad Zingst, Klage gegen den jetzt geplanten Windpark am Darß einzulegen. Begründung: Zwei Drittel der Touristen würden der Region fernbleiben, wenn sie am Horizont Windräder erblickten.

Das Ziel der Regierung, 2006 den ersten deutschen Offshore-Windpark einzuweihen, werde daher wohl nicht mehr erreicht, schätzt Bischof. Auch das Bundesumweltministerium rechnet inzwischen „eher mit dem Jahr 2007“.

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