Zeitung Heute : Viele Clubs wollen von Teenagern nichts wissen

Der Tagesspiegel

Ein erheblicher Reiz des Reifens vom Kinde zum Erwachsenen besteht doch darin, sich in bestimmten Situationen älter machen zu müssen. Früher wurde diese Jugendsport besonders eifrig vor der Kinokasse getrieben, doch hat sich dies längst vor den Eingang zur Disko verlagert. Dieser Spaß will man der Jugend jetzt nehmen: Geht es nach den Plänen der Bundesregierung, soll die bestehende Altersgrenze beim Diskobesuch gelockert werden. Das Jugendschutzgesetz müsse sich an die Lebensrealität anpassen, begründete Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) das Vorhaben. Demnach könnten dann auch 14- bis 16-Jährige ohne eine erwachsene Begleitperson bis 23 Uhr in Diskotheken tanzen oder ihre Cola in Kneipen trinken. Bislang dürfen Jugendliche dieser Altersgruppe nur in Begleitung eines Erziehungsberechtigten bis Mitternacht ausgehen. Den 16- bis 18-Jährigen ist dies ohne Begleitung gestattet, allerdings auch nur bis 24 Uhr. In Kürze will Bergmann nähere Details der Gesetzesnovelle vorstellen.

Grundsätzlich begrüße man derartige Pläne, sagt Renate Hendricks, Vorsitzende des in Bonn ansässigen Bundeselternrates. „Jugendliche haben ihren Lebensrhythmus verändert, sie verabreden sich später.“ Die beabsichtigte Änderung des Jugendschutzgesetzes von 1985 reagiere nur auf gesellschaftliche Veränderungen. Mittlerweile sei es doch so, dass sich viele Minderjährige und deren Eltern gar nicht mehr an die Regelungen halten würden, betont Hendricks. Allerdings müssten Jugendliche in Diskos auch als solche behandelt werden. Das hieße: kein Alkoholausschank, kein Zigarettenverkauf und schärfere Kontrollen. Zudem müsse gesichert werden, dass die jungen Nachtschwärmer mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause kommen.

„Das ist nicht machbar“, entgegnet Bastian Fritz, Chef des Berliner Technoclubs „Casino“. Wenn Jugendliche in die Clubs strömten, brächte das nur Probleme. „Wir hatten schon mal einen Ansturm von Teenagern, die haben ältere Gäste vergrault,“ sagt Fritz. Zudem wisse er gar nicht, wie er das Ausschankverbot für 14-Jährige durchsetzen solle. Seine Angestellten könnten ja nicht bei jedem Gast den Ausweis kontrollieren. Die Gesetzesänderung müsse man mit allen Folgen durchdenken, betont Fritz. Für ihn steht fest: „Wir werden am Einlass aussortieren.“ Auch Olaf Kretschmar von der Clubcommission, dem Verbund von Partyveranstaltern, lehnt das Vorhaben ab: „Das ist staatliche Verführung Minderjähriger.

Für die Berliner Diskothekenbetreiber kommt der Vorstoß der Bundesregierung überraschend. Erst vor wenigen Tagen wurde das „Jeton“ in der Frankfurter Allee aufgrund von Verstößen gegen das Jugendschutzgesetz behördlich geschlossen. Über 150 Polizeibeamte waren an der Razzia in der Großraumdisko beteiligt und stellten die Personalien vieler jugendlicher Besucher fest. „Zuerst dachte ich an einen Witz, dass 14-Jährige bald alleine in die Disco gehen dürfen“, sagt Bärbel Spenken vom „Far Out“ am Kurfürstendamm. „Bei uns kommt man jedoch erst ab 18 rein.“ Es sei einfach verfrüht, in dem Alter lange auszugehen. Eher sollte die Stadt mehr Jugendklubs schaffen.

Auch Rita Schmidt, Geschäftsführerin der Diskothek „Speicher“ an der Oberbaumbrücke, lässt keine Minderjährigen in ihren Club. „Bei uns ist Einlass ab 18, daran wird sich nichts ändern“, sagt sie. Im „Speicher“ würde es ohnehin erst kurz vor Mitternacht richtig voll, und dann müssten Jugendliche auch schon wieder nach Hause gehen.

Rückendeckung bekommt sie vom Vorsitzenden des Deutschen Diskotheken Verbandes in Aachen, Klaus Quirini: „Mit den ganzen Kontrollen und dem begrenzten Taschengeld der Teenager rechnet sich das nicht.“ Von den meisten Diskounternehmern habe er gehört, dass die Tür für Minderjährige ohne erwachsene Begleitung auch künftig geschlossen bleibt. „Die haben zudem einen ganz anderen Musikgeschmack“, meint Quirini. Das Vorhaben der Bundesregierung gehe seiner Ansicht nach an der Realität vorbei. Henning Kraudzun

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