Zeitung Heute : Viele haben Angst

Berliner Erziehungswissenschaftler begleiten verhaltensauffällige Kinder, ihre Mitschüler und Pädagogen

Heiko Schwarzburger

Kevin ist müde. Kevin schaltet ab. Unruhig zappelt er auf seinem Stuhl hin und her, wirft mit Papierbällchen nach seinen Mitschülern. Der Lehrer spricht den Neunjährigen direkt an, ohne Vorwurf in der Stimme: „Wenn du dich langweilst, kannst du eine kleine Pause machen – ohne die anderen zu stören.“

Kevin gilt als verhaltensauffällig. Er kann sich nur schwer konzentrieren. Deshalb erhält er in der Woche vier Stunden sonderpädagogische Hilfe. „In ganz Berlin sind rund 2000 Kinder in dieser Förderung, über alle Schulformen hinweg“, schätzt Ulf Preuss-Lausitz, Erziehungswissenschaftler an der TU. Berlin hat keine Sonderschulen für Erziehungshilfe, wie andere Bundesländer. In den Grundschulen gibt es deshalb mehr Lehrerstellen, um verhaltensauffällige Schüler in die normalen Klassen zu integrieren. Drei von vier verhaltensauffälligen Kindern sind Jungen, meist aus deutschen Familien. „Die Kinder von Migrantenfamilien sind möglicherweise lernschwach, aber kaum auffällig“, sagt Preuss-Lausitz. „Dieses Ergebnis hat uns überrascht.“

Besonders auffälliges Verhalten wie Aggressionen oder auch Depressionen zeigen zirka fünf Prozent der Schüler. „In jeder Klasse gibt es mindestens ein Kind mit massiven emotionalen Problemen“, schätzt Preuss-Lausitz. Sie müssen Krisen in der Familie bewältigen, haben Angstsymptome und können oft nicht ungehindert lernen.

Im Auftrag der Senatsschulverwaltung und der Schulaufsicht Mitte erforscht seine Arbeitsgruppe, wie effektiv die Integration dieser Schülergruppe in normale Klassen ist. Preuss-Lausitz und seine Mitstreiter bildeten eine Stichprobe aus ersten und vierten Klassen in Wedding und Mitte. „Wir beobachteten die Interaktion der Kinder mit den Lehrern und Mitschülern im Unterricht, fragten nach ihren Freunden und studierten die Stellung in der Familie.“ Aus den Ergebnissen will die Schulbehörde geeignete Maßnahmen zur Weiterbildung der Lehrer, Eltern und Jugendämter entwickeln.

Viele Eltern von verhaltensauffälligen Kindern haben eine große Distanz zur Schule, vor allem aus sozial schwachen Familien. Meist wisse der Lehrer nicht einmal, welche Maßnahmen der Jugendhilfe für das Kind gerade laufen, sagt Preuss-Lausitz. Kleine Schulfeste mit den Eltern oder sensibel angebotene Elternbesuche könnten die Distanz überwinden. Er empfiehlt auch, die Informationsveranstaltungen der Jugendhilfe in die Schulen zu verlegen, „um die Hemmschwelle für die Eltern so gering wie möglich zu hängen“. Zudem müssten die Lehrer das Gespräch untereinander suchen. „In den Klassen, in denen sich die Lehrer über ein Kind austauschen, wurden die besten Unterrichtserfolge verzeichnet“, sagt der Pädagoge. Verhaltensauffällige Schüler fühlten sich oft ausgestoßen. Die Lehrer müssten diese Kinder aber annehmen, ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Gemeinsam aufgestellte Regeln für den Unterricht und kleine Vereinbarungen könnten den Kindern helfen, kritische Zeiten zu bewältigen. „Die anderen Schüler sollten ermuntert werden, ihre auffälligen Mitschüler nicht allein zu lassen“, sagt Preuss-Lausitz. Die Schulen haben auch gute Erfahrungen mit Mentoren gemacht. In einigen Schulen sind wochenweise zwei Kinder für einen gefährdeten Mitschüler verantwortlich. Sie begleiten ihn in den Pausen oder helfen ihm im Unterricht. „Sich schon in der Grundschule angenommen zu fühlen, ist die halbe Miete“, sagt der TU-Wissenschaftler.

Um möglichst vielen Lehrern die für sie so wichtigen Informationen zukommen zu lassen, haben die Erziehungswissenschaftler eine Ringvorlesung angeboten, die jetzt als Buch vorliegt. Preuss-Lausitz freut sich, dass die Lehrer so interessiert mitgearbeitet haben: „Die Sensibilität für das Thema steigt.“

Die Ringvorlesung als Buch: Ulf Preuss-Lausitz (Hrsg.): „Schwierige Kinder – Schwierige Schule“, Beltz-Verlag 2004, 19,90 Euro.

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