Zeitung Heute : „Viele junge Saudis sehen keine Perspektiven für ihr Leben“

-

König Fahd ist nach schwerer Krankheit gestorben. Was bedeutet sein Tod für die Stabilität und die Zukunft von SaudiArabien, Frau Prokop?

Sein Tod wird die Stabilität des Landes nicht erschüttern. Wegen der Krankheit von König Fahd wurde Saudi-Arabien bereits seit 1995 von Kronprinz Abdullah regiert, der jetzt als König nachfolgt und eher liberal denkt. Die Position von Abdullah wird dadurch gestärkt. Aber die Regierung wird auch von anderen Familienmitgliedern getragen – und unter denen gibt es viele, die keinen Sinn für Reformen haben. So steht zum Beispiel der Innenminister Prinz Najef eher den sehr konservativen religiösen Kräfte nahe.

Erwarten Sie eine Lockerung bei der Stellung der Frau?

König Abdullah steht solchen Fragen relativ offen gegenüber. Frauen haben sich in den letzten Jahren immer mehr Freiräume erkämpft. Aber es geht sehr langsam voran.

Was hat sich nach dem Attentat vom 11. September im Land verändert?

Die Regierung in Riad fühlte sich sehr stark in die Enge gedrängt. Sie hat dann zögerlich und besonders auf Drängen der Amerikaner dem Terror den Kampf angesagt – und inzwischen einen beträchtlichen Teil der Drahtzieher festgenommen oder bei Straßenkämpfen erschossen. Auch löste der 11. September eine intensive interne Debatte aus, was eigentlich seit den Ereignissen von 1979 – Aufstand in Mekka, sowjetischer Einmarsch in Afghanistan und Revolution in Iran – im eigenen Land schief gelaufen ist.

Welche Konsequenzen hat man aus der Selbstanalyse gezogen?

Die Reaktion ist sehr zögerlich. Reformen kommen nur langsam voran. Während die Regierung dem Terror den Kampf angesagt hat und die Macht der religiösen Kräfte eingeschränkt hat, unterdrückt sie auch liberale Stimmen, die sich für eine langsame Öffnung und eine konstitutionelle Monarchie einsetzen. Einige Reformen wurden eingeführt, wie die Gemeinderatswahlen Anfang des Jahres, eine Reform des Bildungswesens sowie einige wirtschaftliche Reformen.

Was sind die Hauptprobleme, vor denen Saudi-Arabien steht?

Die größten Schwierigkeiten gibt es mit der Jugend. Ein Großteil der Bevölkerung ist jünger als 20 Jahre, während die Herrscher heute fast alle über 80 Jahre alt sind. Die jüngeren Generationen werden nicht in Politik und Regierung einbezogen. Bei den Gemeindewahlen Anfang des Jahres waren Frauen überhaupt nicht und nur ein Teil der Männer beteiligt.

Sind die Jüngeren denn wenigstens in das Wirtschaftsleben eingebunden?

Die momentan hohen Ölpreise erleichtern den wirtschaftlichen Druck auf das Regime etwas. Früher war die Regierung in der Lage, den meisten Schulabsolventen einen Beamtenjob anzubieten, heute jedoch sind viele mit Arbeitslosigkeit konfrontiert und desillusioniert. Es gibt wenig zu tun, sie langweilen sich. Es gibt keine Kinos und wenig Freizeiteinrichtungen. Alkohol- und Drogenmissbrauch – Tabus im konservativen Saudi-Arabien – sind weit verbreitet. Viele Jugendliche sehen keine Perspektiven für ihr Leben. Das erzeugt latente Spannungen, die irgendwann einmal ausbrechen können.

Welche Rolle spielt die Opposition?

In den 80er und 90er Jahren wurde die Opposition von der Herrscherfamilie systematisch gekauft und damit mundtot gemacht. In der Mittelschicht gibt es zwar wachsende Kritik an der Korruption der königlichen Familie. Andererseits haben viele vor einer Alternative, die religiös extremer ausgerichtet ist, große Angst. Darum finden sie sich mit der momentanen Situation ab. Unter anderem dadurch konnte das Al-Saud-Regime in Saudi-Arabien so lange überleben.

Welche Kräfte könnten die Machtordnung zum Einsturz bringen?

Im Nahen Osten ist grundsätzlich alles möglich. Wenn die Amerikaner weiter insistieren, die Demokratie in ihrer Weise in der arabischen Welt zu verbreiten, wenn sich die Situation im Irak verschlechtert, die USA vielleicht Iran oder Syrien ins Visier nehmen, dann könnte das auch in Saudi-Arabien erhebliche Kräfte gegen das mit den Amerikanern sehr eng verbundene Königshaus mobilisieren.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

Michaela Prokop arbeitet als Wirtschaftswissenschaftlerin bei der Asiatischen Entwicklungsbank. Sie hat Anfang 2005 ein Buch über Saudi Arabien veröffentlicht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben