Zeitung Heute : Viele Wege führen zu Miss Preußen

Sarg unterm Baldachin. „Das Denkmal rührt“, befand Theodor Fontane in Gransee. Foto: Imago
Sarg unterm Baldachin. „Das Denkmal rührt“, befand Theodor Fontane in Gransee. Foto: ImagoFoto: IMAGO

Arm in Arm stehen sie da, die gewellten Haare umspielen die lieblichen Gesichter, unter den fließenden Gewändern zeichnen sich verführerisch die Konturen der jungen Körper ab. Es ist mehr als zweihundert Jahre her, dass der Bildhauer Johann Gottfried Schadow die siebzehnjährige Luise und ihre jüngere Schwester Friederike in Marmor gemeißelt hat. Aber seine Prinzessinnengruppe im Alten Museum beeindruckt noch heute. Und sieht aus, als könnten die jungen Frauen im nächsten Moment dem Museum entfliehen, um bei einer Miss-Wahl anzutreten.

Die Ältere von beiden wurde von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg nun tatsächlich posthum zur „Miss Preußen 2010“ gekürt. Unter diesem Motto stehen mehrere Ausstellungen, mit denen die populärste Frauengestalt der preußischen Geschichte anlässlich ihres 200. Todesjahrs geehrt wird. Im Schloss Charlottenburg kann man sich bereits mit „Leben und Mythos der Königin“ vertraut machen. 1776 in Hannover als Tochter des Herzogs Karl von Mecklenburg-Strelitz geboren, heiratete sie 1793 Friedrich Wilhelm III. und gebar sieben Kinder, von denen eins preußischer König, ein anderes deutscher Kaiser wurde.

Unzählige Legenden ranken sich um ihren Mythos. Und wie war sie wirklich? Gewiss, die vielen Exponate bringen sie einem schon nahe. „Wobei wir nicht mal mit Bestimmtheit sagen können, ob sie blond oder brünett war“, wie Professor Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Schlösserstiftung, einräumt. Wer also mehr über sie erfahren will, sollte sich an den Schauplätzen ihres Lebens und Wirkens umsehen. Dazu lädt die Königin-Luise-Route ein, die auf insgesamt 180 Kilometern durch Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern führt. Zu weiten Teilen ist sie mit dem Havelradweg oder dem Europaradweg E 15 identisch und mit Königin-Luise-Symbolen gekennzeichnet. Ob mit Fahrrad oder Auto – von Berlin aus bieten sich mehrere Tagesausflüge ins westliche und nördliche Umland an.

Zum Beispiel ins Havelland, wo dieses Jahr gleich drei Ausstellungen auf Interessierte warten. Auf dem Weg nach Potsdam, wo „Luise im Film seit 1913“ Thema einer Sonderschau und Filmreihe im Filmmuseum ist, gilt es, auf der Pfaueninsel Station zu machen. Das romantische Eiland in der Havel war bevorzugter Rückzugsort des Königspaars. Von Mai an wird Luise auf dem Inselchen in besonderer Weise gehuldigt: Sechs Künstler präsentieren dort ungewöhnliche Installationen.

Weiterer Lieblingsort der Königin war Schloss Paretz. Zwar ist der Landsitz verglichen mit den übrigen Schlössern recht bescheiden ausgefallen. Umso mehr verrät sein Innenleben mit den zweihundert Jahre alten Originaltapeten über den Geschmack der einstigen Schlossherrin. Das werden von Ende Juli an auch die „Die Kleider der Königin“ tun – die Ausstellung prachtvoller Tages- und Abendkleider, Reitkostüme und bunter Kaschmirschals soll zeigen, dass die preußische First Lady auch in Sachen Mode Zeichen setzte.

Weit weniger bekannt dürften die Etappen der nördlichen Königin-Luise-Route sein, die zur Entdeckungsreise durchs Ruppiner Land und durch Mecklenburg anregen. In Dannenwalde versteckt sich zum Beispiel ein unscheinbares Luise-Monument am Straßenrand, in Gransee erinnert das gusseiserne Luisendenkmal mit gotischem Baldachin von Karl Friedrich Schinkel daran, dass der Sarg der Königin hier 1810 im Trauerzug von Hohenzieritz nach Berlin Station machte. „Das Luisendenkmal hält das rechte Maß: Es spricht nur für sich und die Stadt und ist rein persönlich in dem Ausdruck seiner Trauer. Und deshalb rührt es", kommentierte ein ergriffener Fontane das Werk, das die Bürger der Stadt finanzierten.

Ob sie noch heute dazu bereit wären? Immerhin haben sie ihrem Idol einen Königin-Luise-Salon im Heimatmuseum eingeräumt. Der örtliche Buchhändler hat sein Schaufenster mit Luisen-Literatur dekoriert, unweit vom Denkmal wurde kürzlich ein „Luisen-Diner“ eröffnet, und für Juli ist sogar eine ganze Festwoche vorgesehen. „Luise soll nicht in Museen stattfinden“, erklärt Wolfgang Schwericke vom Amt Gransee mit Blick auf die geplanten Lesungen, Filmvorführungen und Theateraufführungen.

Über Fürstenberg und Mirow führt die Route weiter nach Neustrelitz, die frühere Residenzstadt der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz. Im 18. Jahrhundert planmäßig angelegt, macht sie einen großzügigen Eindruck. Nur könnte sie mehr Besucher vertragen. Restaurants mit „Luise-Tapastellern“ oder Läden mit drittklassiger „Luise Fashion“ scheinen nicht dazu angetan, Gäste anzulocken. Das kann schon eher das Museum Neustrelitz, das Luises Familiengeschichte mit Büsten von Christian Daniel Rauch aufbereitet. Und erst recht der Schlossgarten, der zu den schönsten Grünanlagen Mecklenburg-Vorpommerns gehört. Im Sommer gibt er die prächtige Kulisse für die Schlossgartenspiele ab.

In diesem Juli steht – wie könnte es anders sein – die Operette „Königin Luise – Königin der Herzen“ auf dem Programm. Wer von der leichten Muse lieber nicht geküsst werden will, sollte vorher kommen und sich in aller Ruhe das dorische Luisen-Tempelchen ansehen, das hier seit 1891 der Strelitzer Prinzessin huldigt. Anschließend bietet sich eine Pause in der klassizistischen Orangerie an. Wo einst die zarten Pflanzen der Herzöge überwinterten, bewirtet heute die elegante „Brasserie Luise“ inmitten von antikisierenden Statuen mit frischen Salaten oder mehrgängigen Menüs.

Es empfiehlt sich, hier eine Stärkung einzunehmen. Denn das „Louisenstübchen“ beim Schloss Hohenzieritz hat nicht viel mehr als Bockwurst mit Kartoffelsalat im Angebot. Das Schloss markiert die letzte Station der Route, es ist der Sterbeort der Königin. Hier, in der Sommerresidenz der Herzöge, erlag sie am 19. Juli 1810 einer Lungenentzündung. In ihrem Sterbezimmer und weiteren Räumen betreibt ein Förderverein eine Gedenkstätte. Bilder, Schmuck, Porzellan, die Totenmaske und ein Gipsabdruck des Sarkophags von Christian Daniel Rauch zeichnen Luises Lebensweg „Von Hannover bis Charlottenburg“ nach.

Als sie hier, schon stark geschwächt, kurz vor ihrem Tod eintraf, war sie überglücklich, den geliebten Vater wieder zu sehen. „Ich bin tull und varucky. Eben diesen Augenblick hat mir der gute, liebevolle König die Erlaubnis gegeben, zu Ihnen zu kommen, bester Vater!“, hatte sie ihm einen Monat zuvor in ihrem holperigen Deutsch geschrieben.

Noch einmal wird sie durch den schönen Schlosspark gewandelt sein, der damals in voller Blüte stand und an ihrem Lieblingsplatz Halt gemacht haben, wo heute ein anmutiger Rundtempel an sie erinnert. Und wer weiß – vielleicht fiel ihr Blick auch auf das Denkmal, das Herzog Carl 1798 seinen beiden zuvor verstorbenen Gemahlinnen und Kindern gesetzt hat? Seine Inschrift liest sich, als hätte er seine Lieblingstochter gemeint: „Voran gingt ihr Geliebte, Eurem Freund/Bald flieht wie Schaum des Lebens Traums/Und ewig sind wir dort vereint.“

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