• VIELE WEGE FÜHREN ZUM MASTER Ausgewählte Studiengänge an Berliner Fachhochschulen: Wie aus Sozialarbeitern Therapeuten werden

VIELE WEGE FÜHREN ZUM MASTER Ausgewählte Studiengänge an Berliner Fachhochschulen : Wie aus Sozialarbeitern Therapeuten werden

Master in klinischer Sozialarbeit bereitet auf den Umgang mit Härtefällen vor

Nellie Krickhahn

Unter den Klienten von Jana S. sind Härtefälle. Junge Menschen zwischen 16 und 19 Jahren, deren Leben von Krisen bestimmt wird. Psychische Probleme und Drogen spielen nicht nur im Leben der Jugendlichen selbst eine Rolle, sondern auch bei deren Eltern. Oft haben die Kids aufgrund von Lernstörungen, familiären Krisen und wenig Halt im Freundeskreis gebrochene Schulbiografien. Kein Schulabschluss, kein Job, kein Geld – so geht der Kreislauf. Eine Aussicht darauf, dass sich das je ändern wird, gibt es nicht. Zumal kaum einer von ihnen auf die Idee käme, zum Arzt oder Psychotherapeuten zu gehen und zu sagen: Ich habe da ein Problem und brauche Hilfe.

Schwer erreichbar – so nennt Jana S. diese Jugendlichen. Ihre Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, wieder in die Spur zu kommen. Sie hat 20 Jahre Erfahrung im Umgang mit diesen Menschen. Seit sieben Jahren arbeitet sie in einem Jugendwohnprojekt. Ein harter Job für die 40-jährige Sozialarbeiterin. Um darin erfolgreich zu sein, muss sie auch psychologisch geschult sein – und begann daher für ein Masterstudium in klinischer Sozialarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASFH).

Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung und wie gehe ich als Sozialarbeiter damit um? Was bedeutet es, aus sozioökonomisch benachteiligten Familien zu kommen? Wie gehe ich mit den Menschen um, die noch nie mit einem Psychotherapeuten gesprochen haben, aber einen bräuchten? Fragen, die Jana S. bis dahin eher intuitiv angegangen war.

Der Masterstudiengang Klinische Sozialarbeit ist eine spezialisierte Richtung der Sozialarbeit. Sie richtet sich an berufstätige Menschen aus der Wohlfahrt, die psychosozial beraten, betreuen und behandeln: etwa in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, der Kinder-, Jugendlichen- und Erwachsenenpsychiatrie, in Kliniken, Tageskliniken, in sozialpsychiatrischen Diensten oder therapeutischen Wohngemeinschaften und Praxen.

„Die Voraussetzungen und Anforderungen an Sozialarbeit haben sich geändert“, erklärt ASFH-Professorin Brigitte Geißler-Piltz zur Gründung des Studiengangs. „Zum einen drängen Psychologen, Pflegekräfte, Ergotherapeuten und andere Berufsgruppen in die traditionellen Arbeitsfelder der Sozialarbeit. Zum anderen ist die Arbeitsbelastung rein quantitativ gestiegen: immer weniger Sozialarbeiter sind für immer mehr Klienten zuständig.“

In Punkto Fachausbildung sind deutsche Sozialarbeiter rückschrittlich. Ihre Kollegen aus den USA zum Beispiel arbeiten selbstverständlich auch diagnostisch und therapeutisch. Dieses methodische Wissen spielte hier im Studium für Sozialarbeiter bislang nur eine Nebenrolle. Das wird sich mit dem neuen Studiengang ändern.

Dabei liefen schon 1982 erste Modellversuche: Die ASFH kooperierte testweise mit dem Fachbereich Psychologie an der Freien Universität Berlin. Die Hochschule für Sozialarbeit in Coburg richtete zwei Jahre später einen Ausbildungsschwerpunkt in Personenorientierter Gesprächsführung ein. Ein Studiengang in klinischer Sozialarbeit wurde jedoch erst 2001 von den bayrischen Behörden in Coburg genehmigt – damals noch unter dem Abschluss „Diplom“.

Wer sich heute für den Masterabschluss an der ASFH bewerben möchte, sollte neben einem Bachelor oder Diplom in Sozialarbeit auch Berufserfahrungen mitbringen. Die ist Voraussetzung für die Immatrikulation einem weiterbildenden Masterstudiengang. Praxis wird auch in den Seminaren verlangt. Die Studierenden sollen zum Beispiel eigene Fallbeispiele erörtern und die glernten psychosoziale Diagnostikmethoden auf ihre Klienten anwenden.

Weitere Praktika sind meist nicht nötig: Das auf drei Jahre ausgerichtete Studium läuft berufsbegleitend. Gebüffelt wird an Wochenenden und in Blockseminaren. Insgesamt 2700 Lernstunden müssen die Sozialarbeiter neben ihrem Job absolvieren. Für sie bedeutet das zunächst: Doppelbelastung und Stress.

Doch Wissen lohnt sich: Kenntnisse über die Fachgebiete Anamnese und Diagnostik, wonach psychische Krankheiten ermittelt und benannt werden, brauchen die Sozialarbeiter im Berufsalltag. „Seitdem mir solche Begriffe keine Fremdwörter mehr sind, fühle mich selbstsicherer“, sagt Jana S. „Ich traue mir nun zu, auch mit Leuten anderer Fachrichtungen auf Augenhöhe zu sprechen.“ Nellie Krickhahn

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