Zeitung Heute : „Viele wiegen sich in falscher Sicherheit“

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Seit 1988 wird weltweit am 1. Dezember der WeltAids-Tag begangen. Was hat sich seit der Zeit geändert, als Sie den ersten HIV-Patienten behandelt haben, Herr Dr. Bieniek?

Die Behandlungsmöglichkeiten haben sich kontinuierlich verbessert. Der ganz große Sprung nach vorn gelang im Jahr 1996 mit der Einführung der Kombinationstherapie, bei der drei verschiedene Medikamente die Vermehrung des HI-Virus hemmen. Das funktioniert im günstigsten Fall, wenn jemand die Mittel gut verträgt, über viele Jahre gut.

Und im anderen Fall?

Bei der Hälfte der Patienten muss innerhalb des ersten Jahres die Therapie verändert werden, etwa weil die Medikamente nicht gut vertragen werden. Kurzfristig treten oft Magen-Darm-Probleme auf, oder es gibt Probleme mit den Leberwerten und den Blutkörperchen. Langfristig drohen Fettstoffwechselstörungen. Es kann aber auch dazu kommen, dass die Mittel nicht mehr wirken, und man sie wechseln muss. Es gibt aber auch schon Patienten, die selbst hiermit am Ende der Fahnenstange angekommen sind.

Heißt das, dass auch die Therapie das Lebensgefühl verändern kann?

Sehr störend sind für viele die Veränderungen der Fettverteilung. Das kann als entstellend und stigmatisierend empfunden werden. Es können außerdem Nervenschmerzen auftreten. Das ist ja überhaupt die Crux mit neuen Medikamenten, dass man, um Menschenleben zu retten, Medikamente relativ früh geben muss und manchmal erst nach Jahren die Probleme erkannt werden. Wirklich langfristige Folgen kennen wir ja noch gar nicht, weil die Medikamente erst nach 1996 eingeführt wurden.

Wie viel kostet die Therapie?

Die Medikamente kosten im Monat um die 2000 Euro.

Besonderes Thema des diesjährigen Welt-Aids-Tages sind Frauen und Mädchen. In vielen Ländern haben sie nicht die Möglichkeit, Kondomschutz beim Sex zu verlangen. Gibt es auch in unseren westlichen Ländern Grund zur Sorge?

Der Kondomabsatz ist rückläufig, und viele achten allein auf Empfängnisverhütung und nehmen dafür die Pille. Dabei ist die Treue des Partners oft eine Illusion. Viele wiegen sich in falscher Sicherheit, wenn sie vor einer neuen Beziehung einen HIV-Test machen.

Gibt es Besonderheiten der Therapie bei Frauen?

Es gibt Hinweise darauf, dass Nebenwirkungen etwas häufiger auftreten. Trotzdem brechen Frauen die Therapie nicht häufiger ab. Allerdings sind die Fettverteilungsstörungen bei Frauen oft ausgeprägter, also die Ansammlung von Fett im Bauchraum, vor allem an der Brust, bei gleichzeitiger Abmagerung des Gesichts und der Arme und Beine. Und Frauen stört das besonders.

Seit einiger Zeit wird immer wieder betont, dass die Aufklärung über HIV und Aids die jungen Leute nicht mehr erreicht. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Ich habe den Eindruck, viele sehr junge Menschen meinen, dass Aids und HIV mit ihnen nichts mehr zu tun haben, dass das Probleme der Älteren seien.

Wie alt ist Ihr jüngster Patient?

Das ist ein 17-Jähriger mit einer frischen HIV-Infektion.

Bernhard Bieniek ist Internist, Vorstand des Arbeitskreises Aids der niedergelassenen Ärzte Berlin und Mitglied im Kuratorium der Berliner Aidshilfe.

Die Fragen stellte Adelheid Müller-Lissner

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