Zeitung Heute : Vielen Dank, Herr Gent

Es war die spektakulärste Übernahme in der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Vodafone schluckte Mannesmann. Dieses Jahr sorgte der Prozess gegen einige der Akteure für Aufsehen – nun ist der Bundesgerichtshof gefragt. Ein Brief an den Mann, der alles ins Rollen brachte.

Harald Schumann

Sehr geehrter Herr Gent,

Sie sind, das ist Ihnen vermutlich gar nicht bewusst, einer der bekanntesten Top-Manager hier zu Lande. Und das nicht, weil sie sieben Jahre lang das weltweit tätige Mobilfunk-Unternehmen Vodafone führten, das in Deutschland über 20 Millionen Kunden bedient. Ginge es nur danach, wären Sie den Deutschen so unbekannt wie der Chef des Handy-Konzerns Nokia, der nicht weniger deutsche Kunden hat als Vodafone.

Nein, Sie sind eine Berühmtheit, weil Sie sich große Verdienste um diese Republik erworben haben, Herr Gent. Sie haben mehr zur Aufklärung über die Akteure und Methoden des globalisierten Shareholder-Value-Kapitalismus beigetragen als das ganze Heer der Wirtschaftsexperten, das täglich die Zeitungsspalten und Sendeminuten füllt.

Seit Jahren wird dem Publikum die Mär vom effizienten Kapitalmarkt erzählt. Demnach lenken Angebot und Nachfrage das Geld der Sparer angeblich stets dahin, wo es den höchsten Ertrag bringt. Darum sollen die Gewinner auf diesem Markt auch immer im Recht sein und die Dirigenten der Kapitalströme in den Vorstandsetagen müssen sich nicht rechtfertigen für die grenzenlose Macht, die sie über Millionen von Menschen ausüben. Vielmehr lautet die Botschaft stets: Irgendwann soll es allen besser gehen, wenn man die Wirtschaftslenker nur möglichst frei agieren lässt.

Heute glaubt dieses Märchen kaum noch jemand. Und das ist zu erheblichen Teilen Ihr Verdienst, Herr Gent. Denn Ihre geniale Mischung aus unternehmerischem Kalkül und kalter Ignoranz im Umgang mit dem Publikum hat den Deutschen ein Lehrstück in Sachen Macht-Wirtschaft beschert, das Bertolt Brecht zur Ehre gereicht hätte: die seit nunmehr fünf Jahren anhaltende Vodafone-Affäre.

Gewiss, diese Publicity war nicht Ihre Absicht, als Sie die Übernahme und anschließende Zerschlagung des Mannesmann-Konzerns im Frühjahr 2000 in Szene setzten. Aber der Übernahme-Coup war nicht nur der größte Triumph Ihres Lebens. Er hat zugleich den wirtschaftspolitischen Diskurs in diesem Land befruchtet wie kein anderes Ereignis. Dank Ihnen haben auch Normalbürger Zugang zu den Dunkelzonen der globalisierten Ökonomie bekommen, über die es sonst stets an Anschauungsmaterial mangelt. Dabei war unter anderem zu lernen,

– dass es in den Führungsetagen der Großkonzerne nicht viel anders zugeht als bei anderen Machtspielen großer Jungs, die ihre Territorial- und Statuskämpfe ausfechten; das vor dem Düsseldorfer Landgericht entfaltete Sittengemälde war großartig;

– dass das deutsche Steuerrecht international tätigen Konzernen zig Milliarden Euro auf Kosten weniger mobiler Steuerzahler zuschanzt;

– und dass die Sache mit dem Shareholder Value gar nicht ernst gemeint war. Unter Ihrer Führung haben die Aktien von Vodafone binnen zwei Jahren 70 Prozent an Wert verloren, und Sie sind trotzdem als Held gefeiert worden, das beeindruckt selbst Ihre Kritiker.

Für Sie ist das sicher alles schon Geschichte, jetzt, wo Sie bei GlaxoSmithKline im englischen Uxbridge Chefaufseher des zweitgrößten Pharmakonzerns der Welt werden. Aber bei uns ist das alles noch sehr lebendig. „Erst übernimmt Vodafone den deutschen Mannesmann-Konzern zu Mondpreisen, dann stopfen sich die beteiligten Manager die Taschen voll, und am Ende lassen sich die schlauen Multis ihre Unverschämtheiten auch noch vom kleinen Mann bezahlen – wenn das die Spielregeln des Turbokapitalismus sind, dann gute Nacht“, schrieb sogar der „Münchner Merkur“, der aller linken Umtriebe unverdächtig ist. Das war vielleicht ein wenig hart, demonstriert aber den nachhaltigen Eindruck, den Ihre Aktionen hier hinterlassen haben.

Die erfrischende Belehrung begann schon, da war von den erhellenden Details des freizügigen Umgangs der beteiligten Manager mit dem Geld anderer Leute noch gar nicht die Rede. Man stelle sich vor: Das gerade mal 15 Jahre alte Unternehmen Vodafone übernimmt den über 100 Jahre alten Traditionskonzern Mannesmann zum Börsenwert von 178 Milliarden Euro. Doch das belastet die Kasse des Käufers mit keinem Cent. Stattdessen verfügt Vodafone schon drei Monate nach der Transaktion über 57 Milliarden Euro Barvermögen mehr als vor der Übernahme. Der Trick war die Sache mit dem Aktientausch: Sie haben den Aktionären von Mannesmann ihre Anteile nicht mit Geld, sondern einfach mit Vodafone-Aktien abgekauft und dabei „Aktien wie Konfetti verteilt“, wie sich später einer der geleimten Aktionäre mokierte.

Eigentlich war es eine Kapitalerhöhung um fast 100 Prozent, also die Ausgabe vieler neuer Aktien, mit der sie den Kauf von Mannesmann finanziert haben. Und bezahlt haben dafür die Eigentümer des deutschen Konzerns mit ihren Anteilen. Letztlich verwässerte das den Wert der Vodafone-Aktien erheblich, aber von diesem Risiko haben Sie vorsichtshalber nicht so laut gesprochen. Stattdessen haben Sie auf allen Kanälen den gutmütigen Briten mit Hornbrille und Hosenträgern gespielt und so die Leute aufs Glatteis geführt, das war gekonnt.

So gelang es Ihnen, sogar den Profis der Investmentfonds weiszumachen, die neu ausgegebenen Vodafone-Anteile wären auf Dauer mehr wert als die alten Mannesmann-Aktien. Sie setzten einfach den durch die Übernahmespekulation hochgetriebenen Börsenkurs der beiden Papiere an und boten rechnerisch 350 Euro in Vodafone-Aktien für jede Mannesmann-Aktie. Damit waren die Mannesmann-Papiere zwar mehr als doppelt so viel wert wie drei Monate zuvor. Doch der Vodafone-Kurs war noch höher gestiegen. Unterm Strich wurde damit der riesige Mischkonzern mit 138 000 Beschäftigten und sieben Sparten niedriger bewertet als das Mobilfunkunternehmen Vodafone mit nicht mal halb so vielen Angestellten.

Der noch größere Clou war, wie Sie gleich nach dieser Transaktion Kasse gemacht haben. Die britische Mannesmanntochter Orange ging für 40 Milliarden Euro an die France Telekom, die Maschinenbau- und Autozuliefer-Gruppe Atecs für neun Milliarden an Siemens und Bosch, das Handelshaus an Thyssen, der Maschinenbau an Siemag und der Röhrenbau, die Basis des alten Konzerns, landete beim Stahlkonzern Salzgitter. Für die meisten der mehr als 130 000 Mannesmänner und –frauen war das natürlich nicht so schön. Erst war mit den von ihnen erwirtschafteten Gewinnen die Mobilfunksparte aufgebaut worden, und nun wurden sie einfach abgeschoben. Die Kranbauer von Mannesmann Dematic in Wetter an der Ruhr zum Beispiel, die haben jetzt schon den vierten Eigentümer in drei Jahren. Sie, Herr Gent, wissen wahrscheinlich nicht einmal von der Existenz dieses Unternehmens, aber diese Leute waren stolz auf ihre Produkte, die dort 163 Jahre lang hergestellt wurden. Als es ans Ausschlachten ging, gab es plötzlich kein Interesse mehr an langfristigen Investitionen. Nun wird „nur noch abgerissen, entkernt, abgebaut“, wie einer der Betriebsräte in der „Zeit“ klagte. „Kunden, Qualität, Produkte, das spielt alles keine Rolle mehr, jeder denkt nur noch an sich“, so fasst er die Lage seiner Firma zusammen, die es vermutlich bald nicht mehr geben wird.

Sie werden einwenden, das habe nicht an Ihnen gelegen. Das stimmt, Sie haben nur an Siemens verkauft. Kann ja keiner wissen, dass die sich auch nicht für die ihnen anvertrauten Menschen verantwortlich fühlen. Vodafone hat auf diesem Weg stolze 57 Milliarden Euro erlöst, die Sie für weitere Käufe nutzen konnten. Praktisch haben Sie so mit Spielgeld bezahlt und anschließend echtes Geld eingenommen. Sie mussten nur behaupten, es sei „besser, diese zwei Unternehmen zusammenzuführen“, dann gelte „eins plus eins gleich drei“, wie Sie dem „Spiegel“ erklärten. Prompt sind die Aktionäre drauf reingefallen.

Das Ergebnis Ihres eins plus eins liegt heute bei gerade mal 0,3. Statt 360 Milliarden ist der Konzern an der Börse nur noch 120 Milliarden Euro wert – ein Umstand, den Sie einfach dem allgemeinen Kursverfall zuschreiben konnten und darum nicht dafür haftbar gemacht wurden. Aber mal im Ernst, Herr Gent: Sie haben’s bestimmt vorher gewusst, dass das alles Schmu ist, oder? Wenn die Leute eine Firma mit dem 100fachen eines Jahresgewinns bewerten, wie damals bei Mannesmann, dann sind sie doch ohnehin ein bisschen verrückt. Normalerweise werden Unternehmen schließlich nur mit dem Zehn- bis 20fachen ihres jährlichen Ertrags gehandelt.

Nein, das soll kein Vorwurf sein. Die Verlierer waren ja vor allem Kleinanleger, die dumm genug waren, ihre Ersparnisse den Investmentfonds und den Versicherungskonzernen anzuvertrauen, die darüber die Aktienmehrheit hielten. Für die Blauäugigkeit dieser unaufgeklärten Sparer können Sie ja nichts. Dafür ist nun vielen klar geworden, dass die angeblichen Investment-Profis aus strukturellen Gründen unfähig sind, das Geld ihrer Kunden sicher zu verwalten. Sie konnten ihre vielen Aktien gar nicht so schnell abstoßen, wie die Kurse fielen. Das hat den Ruf der Finanzbranche ziemlich ruiniert. Und nur noch 16 Prozent der Deutschen beteiligen sich am Börsenspiel. Aber das kann den Sparern niemand verdenken.

Denn nicht zuletzt dank Ihrer Mannesmann-Aktion ist jetzt klar, wie unsinnig es ist, den Strukturwandel der Wirtschaft in Abhängigkeit von Börsenkursen zu betreiben. Das führt zu weniger Wettbewerb, weniger Jobs und vor allem massenhafter Kapitalvernichtung. Auf diesem Weg sind über lange Jahre zig Milliarden Euro der Sparer nicht für Investitionen in neue Produkte genutzt worden, sondern zur inflationären Aufblähung der Aktienwerte – bis die Blase platzte.

Eigentlich blöd, dass jede Generation diese Erfahrung wieder neu machen muss. John Maynard Keynes, einer der klügsten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts, schrieb vor dem Hintergrund der damaligen Krise im Jahr 1936: „Spekulanten mögen unschädlich sein als Seifenblasen auf einem steten Strom der Unternehmungslust. Aber die Lage wird ernsthaft, wenn die Unternehmungslust zur Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird.“ Das beschreibt doch Ihre Art der Unternehmensführung ziemlich gut, Herr Gent, nicht wahr? Keynes monierte damals, „wenn die Kapitalentwicklung eines Landes das Nebenerzeugnis der Tätigkeiten eines Spielsaales wird, wird die Arbeit voraussichtlich schlecht getan“ und empfahl „die Einführung einer beträchtlichen Umsatzsteuer auf alle Abschlüsse“ als „die zweckmäßigste Reform“.

Aber diese Forderung hat sich ja zum Glück nicht durchgesetzt, sonst hätte das Land auf die ganze Vodafone-Affäre verzichten müssen. Denn dann wäre der größte Gewinner des ganzen Spiels gar nicht erst zum Zuge gekommen, dieser Milliardär aus Hongkong mit Namen Li Kasching. Der hielt damals zehn Prozent der Mannesmann-Aktien, die er für den Verkauf seiner britischen Mobilfunkgesellschaft Orange an den Düsseldorfer Konzern bekommen hatte. Als Sie dann diesen „Angriff“ von Mannesmann-Chef Klaus Esser auf Ihren Heimatmarkt mit dem Übernahmeangebot für die deutsche Firma konterten, da stieg doch der Wert des Pakets von Li in sechs Monaten um volle acht Milliarden Euro.

8 000 000 000 Euro, das war schon ein Pfund. Allerdings hatten Kasching und sein Direktor Canning Fok eine Verpflichtung unterschrieben, ihr Paket nur mit Zustimmung des Mannesmannvorstands zu verkaufen. Kein Wunder also, dass Fok in den aufregenden Tagen Anfang Februar 2000 vor dem Ende Ihrer Angebotsfrist an die Mannesmann-Aktionäre in Düsseldorf weilte. Von Essers Zustimmung hing schließlich einer der größten Aktiengewinne der Wirtschaftsgeschichte ab. Ganz klar, Sie und die Chinesen hatten das gleiche Interesse: Esser sollte endlich nachgeben! Sie wollten den Konkurrenten schlucken, und Fok wollte die Milliarden einstreichen.

Lag es da nicht nahe, Esser am Gewinn zu beteiligen? Also, ich fand die These der Düsseldorfer Staatsanwälte ziemlich plausibel, dass Fok Herrn Esser die 30 Millionen Euro für seine Zustimmung zur Fusion angeboten hat. Was sind schon 30 Millionen im Verhältnis zu acht Milliarden? Nicht einmal 0,5 Prozent, eine miserable Provision. Kasching und Fok haben im Gegensatz zu den meisten anderen Aktionären ja auch gleich nach der Fusion unauffällig Kasse gemacht und große Teile ihres nun auf den Namen Vodafone lautenden Aktienpakets verkauft. Denen musste es auf die paar Millionen wirklich nicht ankommen. Auch die übrigen Indizien waren ziemlich stark. Da sagt der chinesische Großaktionär zu Essers Berater „Let’s do it the Chinese way“ und geht ungeladen im 20. Stock des Mannesmann-Hauses in den Konferenzraum, wo Sie mit Esser verhandeln. Prompt steht fünf Stunden später der Vertrag, und in der Vorstandsetage knallen die Champagnerkorken.

Ja, ich weiß, Herr Gent: Sie, Fok und Esser bestreiten rundheraus, dass es so herum gelaufen ist. Bestechung gilt ja auch in Ihren Kreisen als unschick. Foks Einlassung zur Verteidigung Essers war denn auch herzzerreißend. Dieser „sehr ehrenhafte Mann und wundervolle Mensch“ habe „so hart gearbeitet, so viel für seine Aktionäre erreicht und dabei völlig vergessen für sich selbst zu sorgen“, sagte der chinesische Ehrenmann. Nur darum habe er sein großzügiges 30 Millionen-Euro-Angebot gemacht. Und gewiss hat Esser nicht nur wegen des Geldes seinen Widerstand gegen das Ende von Mannesmann aufgegeben, schließlich hatte er auch schon die Mehrheit der Aktionäre verloren. Aber ob das Geld die Verhandlungen nicht doch ein ganz kleines bisschen beschleunigt hat?

Wie das genau war, wird wohl für immer im Dunkeln bleiben. Aber wenigstens löste der anschließende Prämiensegen diesen glücklichen Unfall in der deutschen Rechtspflege aus: den Prozess gegen Esser und seine Kumpels aus dem Aufsichtsrat wegen angeblicher Veruntreuung von Firmengeldern. Wissen Sie eigentlich warum? Die Ursache war, dass das deutsche Recht in Sachen Selbstbedienung für Top-Manager noch immer nicht globalisiert wurde.

Das war nämlich so: Esser konnte von Fok direkt kein Geld annehmen, dann wäre es offenkundig Bestechung durch den Hauptbegünstigten gewesen. Das Geld musste also von seinem Arbeitgeber kommen, der Mannesmann AG. Darum beschlossen Essers Freunde im Aufsichtsratspräsidium gleich am nächsten Tag, also am 3. Februar 2000, die Auszahlung von 30 Millionen Euro an den vermeintlichen Verlierer der Fusion und noch mal 26,7 Millionen an seine Vorstandskollegen und einige frühere Vorstände. Blöd war nur, dass solche Abschiedsprämien im deutschen Aktienrecht nicht vorgesehen sind. Hier zu Lande müssen Zahlungen an Führungskräfte „in angemessenem Umfang zu den Aufgaben“ stehen, und sie müssen „im Interesse“ des Unternehmens liegen, nicht nur in dem der Empfänger.

Natürlich, Sie als Global Player ohne Erfahrungen mit deutschem Kleingeist konnten das nicht wissen. In den USA und auch in Großbritannien sind solche Zugaben für verdiente Führungskräfte gang und gäbe. Sie selbst haben für die Mannesmann-Aktion schließlich auch mal eben so 15 Millionen Euro Siegprämie aus der Vodafone-Kasse bekommen. Sie konnten den Staatsanwälten auch berichten, dass Sie bei der Übernahme des US-Konkurrenten Airtouch Ihren dortigen Widersacher sogar mit mehr als 400 Millionen Euro abgefunden haben. Insofern waren die Prämien für Esser und Kollegen nur Peanuts. Das haben die deutschen Ankläger auch eingesehen und stellten die Ermittlungen gegen Sie ein.

Die anderen Akteure konnten sich allerdings nicht rausreden. Als Aufsichtsräte einer deutschen Aktiengesellschaft hätten sie das deutsche Recht kennen müssen. Joachim Funk war sogar Vorsitzender des Gremiums und zuvor selbst Vorstandschef, da erwartet man schon solide Kenntnisse. Und Josef Ackermann ist immerhin Chef der Deutschen Bank und mit elf Millionen Euro im Jahr der bestbezahlte deutsche Manager überhaupt – verständlich, dass Sie den beiden vertraut haben. Dass die Gewerkschafter im Gremium, der IG-Metall-Boss Klaus Zwickel und der Betriebsrat Jürgen Ladberg, das Spiel mitgespielt haben, war vermutlich einfach nur feige, die wollten sich raushalten. Das ist ihnen aber am Ende nicht gelungen. Denn die Staatsanwälte fanden nicht nur die Höhe der Prämien für Esser und seine Kollegen unangemessen, sondern sie hielten die ganze Belohnungsaktion für illegal. Darum stellten sie alle vier unter Anklage wegen Untreue, und Ihr Partner Esser war wegen Beihilfe dran. Sie haben als Zeuge vor Gericht gesagt, dass Sie das „ungerecht“ fanden, und den anschließenden Prozess vor der Düsseldorfer Wirtschaftsstrafkammer „eine Schande“. Aber da geht es mir wie den Staatsanwälten: Zu diesem Schluss kann nur einer kommen, der mit den hiesigen Verhältnissen nicht vertraut ist. Bedenken Sie doch, welche Einsichten uns entgangen wären!

Zu lernen war da etwa, dass die Kriegsmetaphorik rund um die „feindliche Übernahme“, dieses Gerede von „Angriff“ und „Gegenoffensive“, von Helden, Sieg und Niederlage, gar nicht so weit hergeholt war. Denn offensichtlich gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen echten Kriegen und den Schlachten der neuen Globalisierungskrieger: Anstand und Moral der Kämpfer bleiben auf der Strecke.

Zum Beispiel Ackermann. Der Chef der Deutschen Bank lieferte einen überzeugenden Einblick in das gedankliche Kontinuum der globalen Klasse. Ich meine damit diese Leute, die an kein Land mehr gebunden sind und mittels ihrer Konzerne mehr Macht ausüben als jeder Regierungschef in Europa. Wie unser mächtigster Banker da am ersten Prozesstag mit den zum Victory-Zeichen erhobenen Fingern im Gerichtssaal posierte, das hatte wirklich Stil. Von da an war klar, was so einer vom Rechtsstaat hält. Deutschland sei „das einzige Land, wo diejenigen, die erfolgreich sind und Werte schaffen, vor Gericht stehen“, hat der Mann dann erklärt. Ackermann meinte nicht etwa die vielen tausend Mitarbeiter, die Mannesmann aufgebaut haben. Nein, der meinte wirklich den Esser, der gerade mal acht Monate Vorstandschef war. Und das zu einem Zeitpunkt, wo von der vermeintlichen Wertsteigerung schon gar nichts mehr übrig war.

Über den Prozess haben wir auch erfahren, wie die Globalisierungsschlacht bei Joachim Funk, dem Aufsichtsratschef und Ex-Vorstandsvorsitzenden, alle Hemmungen beseitigte. Der Mann war grundsolide, hat sein ganzes Berufsleben bei Mannesmann verbracht, promovierter Ökonom, Ehrendoktor, zahlreiche Ehrenämter. Aber als er dann mitbekam, dass sein Nachfolger Esser nach nur acht Monaten im Job mit 30 Millionen Euro nach Hause gehen sollte und er nur mit seiner Betriebsrente von ein paar Hunderttausend im Jahr, da muss es ihm gegangen sein wie einem Jungen, der im Trotzalter „ich will auch!“ schreit. Da hat er sich (mit Zustimmung Ackermanns) einfach mal neun Millionen Mark genehmigt.

Selbst die kreuzbrave Sachbearbeiterin des Vorstands wollte da nicht mitspielen und hat den Wirtschaftsprüfer alarmiert. Der stellte prompt fest, „so geht das überhaupt nicht!“. Und später schrieb er von „schweren Bedenken, ob die Zahlungen mit Recht und Gesetz vereinbar sind“. Es gebe sogar „gewichtige Gründe“, warum „die Gesamtbezüge der Vorstände nicht in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben des einzelnen Vorstandsmitglieds“ stünden und damit „eine Pflichtverletzung des Aufsichtsrates vorliegt“.

Erstaunlicherweise hat dieses Votum die Auszahlung der Millionen nicht gestoppt, sondern nur ein wenig verzögert. Das war wohl auch Ihr Verdienst. Als Sie den Aufsichtsrat übernommen haben, haben Sie alle Prämien noch einmal abgesegnet. Nur mit dem Funk, da sind Sie hart umgesprungen. Der hatte Sie angeraunzt, Sie würden „ein großen deutsches Unternehmen ruinieren“. Darum haben sie ihm statt der geforderten neun Millionen Mark einfach nur sechs Millionen genehmigt – eine ordentliche Retourkutsche.

Der Prozess selbst, das wird Sie gefreut haben, ging ja schließlich aus wie das Hornberger Schießen. Alle Angeklagten wurden im Juli diesen Jahres freigesprochen. Dafür konstruierte die Richterin Brigitte Koppenhöfer eine Art juristischen Doppel-Looping. Demnach waren die Zahlungen an Esser und seine Mannschaft zwar aktienrechtlich nicht in Ordnung, weil nicht im Interesse des Unternehmens. Doch diese Pflichtverletzung war nach Meinung der Richterin nicht „gravierend“, darum nicht strafbar. Und die Prämie für Funk war zwar eine „gravierende Pflichtverletzung“. Dafür gestand die Richterin Ackermann, Zwickel und Co. einen „unvermeidbaren Verbotsirrtum“ zu, „sozusagen die schärfste Form der Ahnungslosigkeit“, wie der „Stern“ befand. Der Münchner Strafrechtsprofessor Bernd Schünemann hält das Urteil darum für einen „Markstein der Klassenjustiz“. Bei „kleinen Leuten“ müsse „die Pflichtverletzung auch nicht gravierend sein, damit sie unnachsichtig verfolgt“ würde.

Ich dagegen finde das Urteil völlig okay. Denn die juristische Konstruktion ist so wackelig, dass die Chancen auf eine Fortsetzung des Verfahrens in der nächsten Instanz sehr gut sind. Die Staatsanwaltschaft hat schon Revision beantragt, so dass diese erfolgreiche Volksaufklärung mit den Mitteln des Strafprozessrechts nicht unnötig früh zu Ende geht. Leider wird es wohl zwei Jahre dauern, bis der Bundesgerichtshof eine Entscheidung fällt. Aber auf das Urteil selbst kommt es ja auch gar nicht an. Das Wichtigste an dem Verfahren ist, dass es stattfindet. Denn es hat eine wertvolle Debatte über die Verantwortung und die Geldgier in den Vorstandsetagen der großen Konzerne angestoßen.

Sie verstehen nicht, warum die Deutschen so hartnäckig auf den Top-Gagen für Top-Manager rumreiten? Na ja, so ganz fremd kann Ihnen das auch im Vereinigten Königreich nicht sein. Schließlich haben die Aktionäre auch bei Ihnen den Aufstand geprobt, als Sie Ihre Siegprämie von 15 Millionen Euro eingestrichen haben. Und als Sie zum Abschied von Vodafone vergangenes Jahr noch mal fast 20 Millionen Euro mitnahmen, hat das für viel böses Blut gesorgt.

In Deutschland ist die Sache mit den Gehältern erst neuerdings völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Chefs streichen inzwischen das 240fache eines Durchschnittsverdieners ein, hat Peer Steinbrück, Regierungschef in Nordrhein-Westfalen, ermitteln lassen. Vor 30 Jahren begnügten sich die Bosse noch mit dem 30fachen. Also nähern sich die Löhne der einfachen Arbeiter denen in Polen und die der Manager denen in Amerika.

Dieses Missverhältnis macht viele Leute unruhig. Selbst unser konservativer Bundespräsident Horst Köhler, als Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds der Hochfinanz eng verbunden, warf Deutschlands Wirtschaftsführern vor, es mangele ihnen an „Einfühlungsvermögen und Vorbildfunktion“. Wenn jemand ein Unternehmen führe „und zweistellige Millionenbeträge in Euro an Gehalt einstreicht und gleichzeitig zehntausende von Leuten freisetzt, dann fehlt es hier nicht nur an Instinkt, sondern auch an unternehmerischem Bewusstsein", beschwerte sich Köhler. Vermutlich dachte er dabei an Ihren Freund Ackermann, der sich den Abbau von 10 000 Stellen bei der Deutschen Bank mit einer Gehaltserhöhung um sechs Millionen Euro versüßen ließ.

Vor diesem Hintergrund fordern jetzt die Betriebsräte und Gewerkschafter in den Aufsichtsräten, die Managergehälter künftig an die Entwicklung der Löhne der Beschäftigten in den jeweiligen Unternehmen zu koppeln. Das halte ich für ein rundum überzeugendes Konzept. Selbst Bundesjustizministerin Brigitte Zypries findet das „eine Überlegung wert“, will aber nur auf freiwillige Vereinbarungen setzen. Das hat zwar schon bisher nicht geklappt, aber die deutschen Sozialdemokraten haben eben Angst vor Leuten wie Ihnen.

Umso besser, dass im Zuge Ihrer Aktion gleich auch die Finanzpolitiker der rot-grünen Bundesregierung bloßgestellt wurden. Wie, davon wissen Sie gar nichts? Na ja, es geht um das Erbe Ihrer Zeit bei Vodafone, das von Ihrem Nachfolger nun steuersparend verwaltet wird. Damals fabrizierten Sie ja nicht nur die teuerste Fusion der Wirtschaftsgeschichte, sondern auch den höchsten jemals in Europa ausgewiesenen Verlust, erinnern Sie sich? Sagenhafte 25,6 Milliarden Euro Miese haben Sie in die Bilanz für das Geschäftsjahr 2001/2002 geschrieben und in den Folgejahren wurde es nicht viel besser. Bilanztechnisch hat Vodafone seit 2000 fast 50 Milliarden Euro Verlust gemacht. Das Geld ist nicht wirklich weg, ich weiß, es wurden einfach nur die Fantasiewerte für die mit dem Aktienspielgeld gekauften Unternehmen abgeschrieben. Aber steuertechnisch ist das natürlich eine Goldmine – vor allem in Deutschland.

Erst haben Sie über die Luxemburgtochter das Mannesmannpaket für 180 Milliarden gekauft, ein halbes Jahr später für 146 Milliarden an die neue deutsche Vodafone GmbH weitergereicht und im folgenden Jahr dann auf 96 Milliarden Euro abgeschrieben. Das ergibt einen Verlust von 50 Milliarden Euro, den Ihr Nachfolger jetzt beim Finanzamt mit den Gewinnen verrechnen lassen will. Kommt er damit durch, wäre nicht nur der Jahresgewinn 2003 der Vodafone Deutschland in Höhe von 2,5 Milliarden Euro steuerfrei. Bei gleicher Gewinnlage müsste die Firma sogar volle 20 Jahre lang keine Steuern mehr zahlen. Da muss man erst mal drauf kommen! Sie haben den Laden nicht nur mit Spielgeld bezahlt, jetzt kriegt das Unternehmen dafür auch noch an die 20 Milliarden Euro Steuernachlass. So wird das Thema Konzernbesteuerung endlich auch für schlichte Gemüter transparent. „Das ist eine Riesensauerei!“ titelte sogar die „Bild- Zeitung“, „jetzt zahlen wir Steuerzahler seine Abfindung“.

Angesichts dieser Empörung mutete die Verteidigung des Berliner Vodafone-Statthalters etwas unprofessionell an. Der erklärte nämlich, es handle sich „um einen ganz normalen und bei vielen Unternehmen üblichen Vorgang“. Und ein anderer Vodafone-Sprecher ergänzte, „die Aktionäre würden uns sonst verklagen“. Ich bin mir nicht sicher, ob solche Sprüche dem Unternehmen wirklich nutzen. Die Globalisierungskritiker von Attac jedenfalls starteten regelrechte Greenpeace-Aktionen gegen Vodafone. Mal besetzen sie den Eingang der Düsseldorfer Zentrale, mal stellten sie einen Riesenschredder davor, um demonstrativ Vodafone-Verträge zu häckseln. Dann wieder verstopfen 30 000 Protestmails die E-Mail-Konten der Firma.

Auf Dauer kann so ein Imageschaden für eine Markenfirma teuer werden. Aber das wird Sie vermutlich nicht mehr interessieren. Schade wäre nur, wenn die Welt künftig auf Ihre Aufklärungskampagnen verzichten müsste. Könnten Sie sich da nicht mal wieder was Neues einfallen lassen? Sie sind doch jetzt in der Pharmabranche. Da ließe sich bestimmt was drehen. Bis dahin, beste Grüße aus dem Vodafone-bewegten Deutschland.

Der Autor ist Redakteur des Tagesspiegel. Der Text erscheint im März 2005 in dem Buch „Briefe an den Reichtum“, herausgegeben von Carl Amery im Verlag Luchterhand.

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