Zeitung Heute : „Vielleicht sinken die Emissionen ab 2030“

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Herr Präsident Lu, haben Sie je einen so warmen Januar in Peking erlebt. wie in diesem Jahr?

Nein, es wird zweifellos immer wärmer, der Schneefall hat erheblich abgenommen.

Erschreckt Sie das?

Ich habe ein ungutes Gefühl dabei, auch wenn die Ursache noch nicht wissenschaftlich geklärt ist.

Verstehen Sie dann auch, dass sich viele Europäer vor Chinas schnellem Wirtschaftswachstum fürchten, weil damit der Klimawandel enorm beschleunigt wird?

Niemand sollte Angst haben vor Chinas Aufstieg. Er nutzt ja nicht nur uns, sondern der ganzen Weltwirtschaft. Natürlich steigt damit unser Energieverbrauch. Europa geht ja schon seit 200 Jahren diesen Weg. Der Klimawandel trifft nun die Industriestaaten genauso wie die Entwicklungsländer. Darum kommt es darauf an, gemeinsam alles zu unternehmen, um Alternativen zu finden.

Aber ist nicht gerade China vom Klimawandel besonders bedroht, weil mit dem Abschmelzen der Gletscher des Himalaya die Wasserversorgung ganzer Regionen zusammenbrechen kann?

Das wissen wir noch nicht. In der trockenen Nordwestregion fällt weniger Regen und Schnee als früher und dort sind 40 Prozent der Wasserversorgung abhängig von den Zuflüssen aus den Gletschern in Tibet. Aber insgesamt haben die Niederschläge in China zugenommen. Im Bereich des Yangtse-Flusses kommt es zu mehr Überflutungen. Die weiteren Konsequenzen müssen wir erst noch erforschen.

China wird schon im übernächsten Jahr mehr Treibhausgase freisetzen als jeder andere Staat und damit unter großen Druck geraten, dagegen vorzugehen. Was wird die Regierung tun?

Zunächst muss man feststellen, dass die westlichen Staaten einen Teil ihrer energieintensiven Industrie nach China verlagert haben, auch deshalb steigen hier die Emissionen. Aber wir werden die Standards für die Energieeffizienz in der Industrie und bei den Produkten stark verschärfen. Außerdem wollen wir die Struktur unserer Ökonomie umbauen. Wir werden den Dienstleistungssektor fördern, der viel weniger Emissionen verursacht. Die Industrieunternehmen werden dagegen umso höhere Steuern zahlen müssen, je mehr Energie sie verbrauchen. Geplant ist auch der Ausbau der erneuerbaren Energien auf 40 Prozent des Verbrauchs bis 2050. Außerdem können wir durch Aufforstung viel CO2 in Biomasse binden, da hat China ein großes Potenzial.

Aber selbst für den besten Fall kalkulieren die Ökonomen der Planungsbehörde, dass Chinas Emissionen sich bis 2020 noch einmal verdoppeln. Ist dieses Szenario unvermeidlich?

Das ist möglich. Noch ist der Energieverbrauch pro Kopf bei uns gering. Die nächsten fünf Jahre werden sicher einen Anstieg bringen, weil wir die Infrastruktur für den Verkehr und die Stromerzeugung ausbauen müssen. Aber nach 2010 wird sich die Lage verbessern, wenn die modernen Branchen sich stärker entwickeln.

Und wann wird der Wendepunkt erreicht, wann wird auch China den CO2-Ausstoß senken?

Den ersten Wendepunkt haben wir schon erreicht: Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung wird der Energieverbrauch ab diesem Jahr voraussichtlich abnehmen. Chinas Führer haben verstanden, dass wir nicht wie die alten Industrieländer uns zunächst wirtschaftlich entwickeln und dann erst die ökologischen Folgen bekämpfen können. Wann die absolute Menge der Emissionen wieder sinken wird, hängt jedoch von der globalen Entwicklung ab. Ich halte es für möglich, dass wir unsere Emissionen ab dem Jahr 2030 absenken können. Entscheidend wird sein, ob China Zugang zu den nötigen Technologien für Solarenergie und Effizienz bekommt. Sie sollten für alle Staaten frei zugänglich sein.

Und wer soll die Unternehmen, die das entwickeln, dafür bezahlen?

Dafür brauchen wir einen großen internationalen Fonds….

…den die Wohlstandsländer finanzieren sollen?

Gewiss nicht allein, aber wir sollten ein globales Abkommen verhandeln, das den ökologisch nötigen Technologietransfer sicherstellt. Sonst kann es nicht gelingen, weltweit die Emissionen zu senken. Die globale Entwicklung hängt nicht von einem Land ab, sondern davon, was gemeinsam erreicht wird.

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