Zeitung Heute : „Vielleicht war sie früher selbst ein unerwünschtes Kind“

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In Frankfurt (Oder) soll eine Mutter neun ihrer Kinder getötet haben. Was geht in einem Menschen vor, der so etwas tut, Frau Wolber?

Eine Frau, die so etwas macht, muss aufs Schwerste traumatisiert sein und eine schreckliche Vorerfahrung gemacht haben. Man sollte sich deshalb davor hüten, sie vorschnell als unmenschliches Monster zu verurteilen. Im Mittelpunkt dürfte bei ihr gar nicht mal so sehr ein Hassgefühl auf die eigenen Kinder gestanden haben, sondern der Eindruck von Ohnmacht und Verzweiflung. Hinzu kommt die Fähigkeit, die tatsächliche Situation zu ignorieren. Offenbar wollte die Frau ihre Schwangerschaften nicht begreifen. Dieses NichtWollen des Kindes kann im äußersten Fall sogar so weit führen, dass eine Schwangerschaft als solche von der Frau gar nicht mehr wahrgenommen wird. Das zeigt sich dann auch im körperlichen Ausdruck: Solche Frauen erscheinen nicht als „dick“, weil sie eben nicht dick sein wollen. Das psychische Gefühl korrespondiert mit einem Körpergefühl des Versteckens.

Wie kann es passieren, dass angeblich niemand etwas von den Schwangerschaften bemerkt hat?

Wahrscheinlich hat es die Frau wirklich geschafft, die Schwangerschaften so gut wie unsichtbar zu machen. Andererseits muss es eine Art entgleiste Kommunikation zwischen der Frau und anderen Menschen gegeben haben. In der psychosomatischen Medizin geht man davon aus, dass nicht nur der Patient an sich, sondern auch das Umfeld gewisse Auffälligkeiten zeigt – also auch die Menschen, mit denen sie Kontakt hatte, die Situation nicht richtig einschätzen konnten.

Welche Schuld trägt das gesellschaftliche Umfeld?

Es ist ja nicht so, dass es keine konkreten Hilfsangebote geben würde. Viele Hebammen bieten zum Beispiel schwangeren Frauen nicht nur eine medizinische, sondern auch eine emotionale Begleitung an. Die Frage ist aber, ob Frauen von sich aus diese Hilfe in Anspruch nehmen können. Wenn die Frau, um die es jetzt geht, dazu bereit gewesen wäre, dann hätte es vielleicht ein Tötungsdelikt gegeben, aber nicht diese Fülle.

Spielt es eine Rolle, dass die Frau arbeitslos war und in einer gewissen Isolierung lebte?

Es gibt viele Frauen, die allein erziehend oder arbeitslos sind, und trotzdem führt das nicht zu einer Katastrophe. Dieser Punkt ist ein Mosaikstein von ganz vielen, aber es ist nicht der zentrale Punkt. Ich frage mich schon eher, ob die Frau vielleicht früher selbst in der Rolle eines unerwünschten Kindes war und abgelehnt wurde. Eventuell dachte sie, sie könnte ihren Kindern mit der Tötung ihr eigenes Schicksal ersparen.

Alle Taten geschahen innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt. Können solche Tötungen im Affekt passieren, und könnte es sein, dass die Frau sie später bereut hat?

Das könnte durchaus sein. Es gibt ja die so genannte Wochenbett-Depression, in der Frauen im Affekt Dinge tun – auch Tötungsfantasien entwickeln – die sie zum späteren Zeitpunkt überhaupt nicht mehr nachvollziehen können. Ich kenne allerdings Frauen, die in solch eine Situation geraten sind und die spätestens bei der zweiten Schwangerschaft schon im Vorfeld entsprechende Hilfe gesucht haben.

Als Möglichkeit, ungewollte Kinder zur Welt zu bringen und ihnen die Chance zum Leben zu geben, gibt es Babyklappen und anonyme Geburten. Können damit solche Fälle verhindert werden?

Mit Sicherheit nicht. Gerade Studien in Berlin haben gezeigt, dass Babyklappen die Quote der Tötungsdelikte bei Neugeborenen nicht senken können. Frauen, die ihr Kind zu einer Babyklappe tragen oder eine anonyme Geburt anstreben, sind Frauen, die reflektieren. Es sind Frauen, die sich sagen: Ich kann das Kind jetzt nicht bei mir behalten, aber ich möchte dem Kind trotzdem etwas Gutes tun. Die Kinder, die im vorliegenden Fall getötet wurden, sind aber in einer vollkommen unreflektierten Situation auf die Welt gebracht worden. Eine Frau, die ihre Situation über Monate und Jahre so elementar verdrängt, trägt ihr Kind nicht zu einer Babyklappe.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

Edith Wolber ist Medizinethnologin beim Bund Deutscher Hebammen (BDH).

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