Zeitung Heute : Vier auf einen Streich

Das Ehepaar Cremer aus Lichterfelde hat neun Enkel. Vier von ihnen haben in diesem Jahr ihr Abitur gemacht.

Mitgefiebert, mitgefeiert. Gottfried und Dörte Cremer mit ihrer Tochter Isabel. Sie ist die Mutter von drei der vier Enkel, denen die Cremers in diesem Frühjahr für das Abitur die Daumen gedrückt haben. Foto: Thilo Rückeis
Mitgefiebert, mitgefeiert. Gottfried und Dörte Cremer mit ihrer Tochter Isabel. Sie ist die Mutter von drei der vier Enkel, denen...

Dörte und Gottfried Cremer haben ja schon einiges erlebt in den vergangenen Jahrzehnten. Drei Kinder großgezogen, neun Enkel aufwachsen sehen, und immer waren die Großeltern das Herz der Familie. In diesem Jahr war das Frühjahr für die beiden Lichterfelder noch ein bisschen aufregender als sonst: Gleich vier ihrer neun Enkel haben in den vergangenen Wochen ihr Abitur gemacht.

Da mussten die Daumen der Großeltern ganz schön viel gedrückt werden. „Aufgeregt waren wir deshalb aber nicht besonders“, sagt Gottfried Cremer. „Wir waren sicher, dass sie es schaffen.“ Sie sollten Recht behalten – alle sind sie durch. Den stolzen Großeltern war das eine Anzeige im Tagesspiegel wert: „Omi und Opa gratulieren ihren Enkelkindern Anton, Jakob, Luise und Philipp zum erfolgreichen Abitur 2012“. Donnerwetter. Vier auf einen Streich.

Das Treffen mit den Cremers muss leider ohne die Enkel stattfinden. Die sind nämlich gerade alle weg. Alle auf Abifahrt, alle in Spanien, alle an der Costa Brava. Und das obwohl die vier auf drei verschiedenen Schulen waren. Lloret de Mar ist der Ort, an den Berliner Abiturienten in diesem Jahr in Scharen pilgern. Das Ziel: eine Woche Dauerparty zum günstigen Preis. „Es geht nur ums Feiern. Sogar ihre Smartphones und Laptops haben sie zu Hause gelassen“, sagt Mutter Isabel.

Sie ist die Tochter von Dörte und Gottfried Cremer und die Mutter von drei der vier Abiturienten: Die 19 Jahre alten Zwillinge Anton und Jakob haben ihr Abitur am Arndt-Gymnasium in Dahlem abgelegt, ihr ein Jahr jüngerer Bruder hat die Berlin International School  besucht und dort sein International Baccalaureat (IB) gemacht, das internationale Abitur. Und weil dieses nur zwölf Jahre dauert, kam es, dass alle drei Söhne in diesem Jahr auf einen Schlag mit der Schule fertig wurden. Zusammen mit Cousine Luise ist das Enkel-Quartett der Cremers komplett.

„Streng genommen ist das mit den vier auf einen Streich ja ein bisschen geschummelt“, sagt Gottfried Cremer und lacht. Denn tatsächlich weiß Philipp, der Jüngste, noch gar nicht, ob er gerade auch wirklich allen Grund hat, es krachen zu lassen. Denn anders als die Noten für das deutsche Abitur, die längst feststehen, werden die Noten für das IB erst in gut zwei Wochen bekannt gegeben. Die Klausuren werden in Cambridge ausgewertet, deshalb dauere es so lange, erklärt seine Mutter. Wie seine Mitschüler hat Philipp von der Schule ein Passwort für den Zugang zur Online- Datenbank bekommen. Am 6. Juli, wenn die Ergebnisse freigeschaltet werden, kann jeder für sich nachsehen, ob und wie er abgeschnitten hat. Das war es dann aber auch – eine offizielle Feier gibt es nicht mehr.

Aber ein Gläschen Sekt und ein feines Essen wird doch wenigstens noch drin sein?! Mutter Isabel zuckt die Schultern, lacht und winkt ab. „Wir sind inzwischen etwas feiermüde“, sagt sie. Kein Wunder: In der vergangenen Woche stand für die Familie ein Party-Marathon auf dem Programm: Donnerstags der Abiball des Arndt Gymnasiums im Postbahnhof in Friedrichshain, am Freitag dann die Zeugnisverleihung in einem Hörsaal der FU mit anschließendem Sektempfang im Foyer – viele Berliner Gymnasien haben ihre Zeugnisfeiern in diesem Jahr in Hörsäle an den Unis verlegt, weil die schuleigenen Aulen wegen der doppelten Jahrgänge nicht genügend Platz für alle Abiturienten, Eltern und Großeltern geboten hätten. Am Sonnabend ging es weiter mit den Feierlichkeiten der Berlin International School: Erst die offizielle Schulabschlussfeier, die Graduation Ceremony, danach die private Feier der Abiturienten in einem Club – die Eltern durften mit, für sie war das Erdgeschoss vorgesehen, während die Schüler im Obergeschoss feierten. Am Sonntag schließlich gab es ein Fest zu Hause in Dahlem für die ganze Familie, mit allen vier Abiturienten. Zwei Tage später, am Dienstag, ging es für die drei Jungs auf Abifahrt.

In deren Elternhaus ist es seitdem erst mal still geworden. Ein Stapel noch nicht abgegebener Schulbücher liegt an der Haustür bereit für den allerletzten Weg zurück zur Schule – die Mutter wird sich erbarmen und die Bücher zurückbringen. Statt der Clique kommen nun die Großeltern zu Besuch, genießen mit ihrer Tochter die Ruhe auf der Terrasse. „Wir sind gespannt zu sehen, welchen Weg sie nun alle gehen“, sagt Gottfried Cremer. Von seinen neun Enkeln sind sieben Jungs und zwei Mädchen. Mit den vieren aus diesem Jahr haben sechs von ihnen bereits ihr Abitur. Eines haben die Großeltern in den vergangenen Jahren beobachtet: „Die Mädchen sind immer einen Tick besser als ihre Cousins“, sagt Gottfried Cremer und lacht.

Drei Jungs müssen noch ran, dann haben alle neun Enkel ihr Abitur. Der Nächste ist schon im kommenden Jahr dran. Dann heißt es für die Großeltern Dörte und Gottfried Cremer also wieder: Daumen drücken, mitfiebern – und wenn alles geschafft ist, kräftig mitfeiern.

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