Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Chlorhähnchen genießen, der Türkei helfen, Ebola bekämpfen - "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe zu Themen, die uns umtreiben.

"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Ein Schluck Wasser im öffentlichen Schwimmbad spült mehr Chlor in den Körper als ein "Chlorhähnchen aus den USA, meint Josef Joffe. Dennoch sind die Vorbehalte gegen das Freihandelsabkommen groß.

Sind die Freihandelsabkommen Ceta und TTIP gut für Deutschland? Und wenn ja, warum merkt das keiner?

Weil die Diskussion von Anfang an irrational war beziehungsweise mit Angst- Parolen betrieben wurde. Berühmt ist das US-„Chlorhähnchen“, das zur Desinfektion kurz mit einer Chlorlösung abgespült wird. Ein Mund voll Wasser aus dem öffentlichen Schwimmbad spült mehr Chlor in den Körper. Dagegen schätzen die Amis keinen Rohmilchkäse. Merke: Heute wird Handel nicht mehr durch (sehr niedrige) Zölle behindert, sondern durch Gesundheits-, Umwelt- und Kulturbarrieren (zu viel Hollywood, zu viel Amazon). Da aber der Atlantik sowieso der weltgrößte Handels- und Investitionsraum ist, wird TTIP beides nur marginal beflügeln.

Die Türkei hat angeblich schon mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Und wer hilft der Türkei?

Es ist nicht ganz einfach, die Türkei mit Wohlwollen zu übergießen. Erdogan, so unberechenbar in der Politik wie aggressiv in der Sprache, spielt eine undurchsichtige Rolle. Er kungelt mal mit diesem, mal mit jenem im Kampf um Mittelost. Dennoch müssen wir helfen, vor allem den Hunderttausenden, die im Elend leben. Oder gar nicht mehr reinkommen, weil Ankara die Grenzen abriegelt. Die Deutschen, die weder kämpfen, noch mehr Flüchtlinge aufnehmen wollen, haben hier eine Pflicht, die zugleich ihren eigenen Interessen dient. Versorgungsgüter kosten nur Geld – weder Blut noch tätige Gastfreundschaft.

Haben Sie Angst vor Ebola?

Wie vor dem Unfalltod: möglich, aber abstrakt. Oder so: Schon jede sogenannte Pandemie – Rinderwahn, Sars – wurde im Westen sehr schnell eingedämmt, weil dessen Gesundheitssysteme gut funktionieren. Die letzte Pandemie, die Spanische Grippe 1918/19, hat mehr Menschen umgebracht als der Erste Weltkrieg. Sie war schlimmer als die Pest im Mittelalter. Angst müssen die Afrikaner haben, und deshalb ist es gut, dass nach Amerika auch andere Nationen in den Ebola-Krieg ziehen. Soldaten als Kämpfer gegen die mordende Seuche – ein moralischer Fortschritt.

Ein (noch nicht) letztes Wort zum Euro-Verfall ...

Der Dollar hat einen Zwei-Jahres- Höchststand erreicht. Daraus Untergangsszenarien zu spinnen, darf das Feuilleton. Vorweg ist ein klassischer Mechanismus im Spiel: Wenn die EZB die Zinsen gen null drückt und die US-Zentralbank mit einer Zinserhöhung winkt, gehen die schnellen Jungs in den Dollar. Es mag allerdings auch Fundamentales mitspielen: Die US- Wirtschaft hat sich erholt, das EU- Wachstum kommt nicht hoch. Unser Medizinmann Draghi muss mit Billiggeld kompensieren, was die EU-Staaten nicht schaffen: wachstumsfördernde, aber schmerzhafte Reformen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: Malte Lehming.

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