Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Warum "Russia Today" die "reine" Wahrheit sagt, Kippa tragen in einigen Stadtvierteln gefährlich ist und Griechenland so oder so Hilfe bekommt.

Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".Foto: Promo

Was will Wladimir Putin eigentlich in der Ostukraine – mit der Faust auf den Tisch hauen, den Westen ärgern, Einflusszone ausweiten?

Ach was! Die Russen haben mit der Ukraine gar nichts zu tun. Dort kämpfen nur Einheimische, die die Zwangsherrschaft der Kiewer Soldateska abschütteln wollen. Die sich ihre T-72B3 (seit 2012 im russischen Arsenal) selber in Handarbeit gebaut haben. Überdies wollen die Rebellen nur den Vormarsch der Nato stoppen. Wer Gerechtigkeit für die Unterdrückten will, darf Kiew auf keinen Fall Waffen liefern. Sie glauben das alles nicht? Dann täglich "Russia Today" gucken. Der Kreml-Sender sagt die reine Wahrheit.

Barack Obama sagt, keine Religion sei für Terror verantwortlich. Stimmt das?

Wenn kein Glauben, weltlich oder religiös, für die Verbrechen seiner Anhänger verantwortlich ist, sind Kommunismus und Nazismus aus dem Schneider. Wenn aber O. auf die "Schreckenstaten" verweist, die "im Namen Christi" begangen worden sind (Kreuzzüge und so), ist das Christentum irgendwie schuldig, oder? Diese Frage stößt umso mehr auf, als O. noch nie von "Schreckenstaten im Namen des Islam" geredet hat. Helfen wird ihm die Verbalakrobatik nicht. "Jihadi John", den wir aus den Kopf-ab-Bildern kennen, nennt O. einen "Höllenhund Roms". Bin Laden nannte seine Kriegs-Fatwa gegen Amerika 1998 "Erklärung der Islamischen Weltfront gegen Juden und Kreuzzügler". O. ist also der Chef-Kreuzfahrer.

Berlins jüdische Gemeinde verschickt ihr Monatsmagazin wegen antisemitischer Anfeindungen künftig in einem neutralen Umschlag. Muss man sich als Jude in Deutschland verstecken?

Das tun Erotik-Versandhäuser auch. Allerdings müssen deren Kunden höchstens pikierte Blicke fürchten – nicht Gewalt. Deshalb werden jüdische Einrichtungen seit Jahrzehnten von der Polizei geschützt, und Gelassenheit ist nach Paris, Brüssel und Kopenhagen nicht angesagt. WmdW würde heute nicht mit einer Kippa durch manche Stadtteile laufen. Ein Vollbart, den auch gläubige Juden tragen, wäre gesundheitsfördernder. Dann könnte er mit seinem perfekten arabischen Akzent "Allahu akbar“ rufen und wäre voll koscher, äh, halal.

Ein letztes Wort zu Griechenland ...

Das gibt es nicht. Der Sozialfall Hellas wird sich über viele Jahre hinziehen. Athen ist bereits pleite und wird seine Schulden nie zurückzahlen. Ein "Grexit" würde daran nichts ändern, wie so mancher deutsche Ökonom wähnt. Denn Athen bliebe Mitglied der EU und würde reichlich Stütze kriegen. Bloß aus anderen Kassen. Die heißen "Strukturfonds" und "Kohäsionsfonds". Die gute Nachricht: Die EU kann sich Griechenland leisten, Italien nicht. Aber die Italiener treten nicht in Lederjacke und Stiefeln auf. Kleider machen Leute.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit". Die Frage stellte Malte Lehming.

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