Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Länger als Angela Merkel regieren, das Kopftuch gleich behandeln und bessere Gags als Aristophanes erfinden.

Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".Foto: Promo

Wahlen in Israel: Naht das Ende von Bibi Netanjahu?

Israelis wählen nicht Leute, sondern Listen. Netanjahus Likud (halbrechts) und Isaac Herzogs Zionistische Union (halblinks) liegen in den Umfragen gleichauf; keine Partei wird mehr als 25 Sitze kriegen; erst 61 ergeben die Regierungsmehrheit. „Bibi“ hat unter den Rechten und Religiösen mehr mögliche Koalitionspartner, derweil Mitte-Links sich eventuell auf die neue gesamtarabische Partei stützen müsste, einer unmöglichen Mischung aus Islamisten und Kommunisten (auf Deutsch: CDU/CSU mit der AfD und der Linken). Diese bizarre Konstellation lässt WmdW auf eine vierte Amtszeit Netanjahu tippen. Dann kämen insgesamt 13 Jahre zusammen – mehr als Merkel 2017 haben wird. Ganz sicher aber sind lange Koalitionsverhandlungen.

Nato oder Euro-Armee: Was ist besser für den Frieden?

Erstens wird es keine Euro-Armee geben, denn die erfordert einen Bundesstaat mit einer Regierung, einem Parlament und einem Staatsvolk. Die Nato hat dagegen einen doppelten Vorteil: Sie ist das älteste Bündnis (freier Staaten) aller Zeiten und schließt Amerika mit ein, die stärkste Militärmacht auf Erden. Überdies hat sie eine gewachsene Tradition militärischer Integration seit 1949. Das Problem? Einst waren die USA mit 300 000 Mann in Europa präsent; übrig geblieben sind 30 000. Und Amerikas Interesse an den europäischen Händeln sinkt. Den Europäern, die seit 1990 abrüsten, bleiben als Waffen nur Diplomatie und Wirtschaft – zu wenig, um gegen Putins Ausdehnungsdrang zu bestehen.

Karlsruhe kippt pauschales Kopftuchverbot: Ein weises Urteil?

Es geht um das Kopftuch im Klassenzimmer, das Karlsruhe vor zwölf Jahren verboten hatte. Damit hatte das Gericht eine „Verfassungsfalle“ aufgestellt: Kreuze und Davidsterne um den lehrerlichen Hals ja, Kopftuch nein? Mag sein, dass das Kreuzlein so klein und das Tuch so groß ist, aber Gleichbehandlung ist das nicht. Entweder es darf niemand seine/ihre Religion zur Schau stellen, oder es dürfen alle. Folglich hat das Verfassungsgericht richtig entschieden. Jetzt müssen wir nur noch ein Abzeichen für Atheisten erfinden.

Ein Wort zu Griechenland …

Die Griechen, nicht die Germanen, haben vor 2500 Jahren die Komödie erfunden, folglich muss man die Schlammschlacht durch die Augen des Aristophanes betrachten. Was Tsipras und Varoufakis abziehen, ist doch interessanter als Primär-Überschüsse, Anleihezinsen und Rückzahlungsfristen. Komödiantenmäßig sind die Neu-Griechen einfach besser als Schäuble, besser auch als Aristophanes, dem der Gag mit der Pfändung des Athener Goethe-Instituts nie eingefallen wäre. Allein schon wegen des Unterhaltungsfaktors müssen die Griechen im Euro bleiben.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Die Fragen stellte Moritz Schuller.

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