Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Das Duell von Denver beobachten und nach totalitären Politikern suchen

John McCain steht als Kandidat so gut wie fest. Wer hat die besseren Chancen gegen ihn – Obama oder Clinton?

Laut den allerneuesten Umfragen Barack Obama; der liegt seit Super Tuesday mit 3,3 Punkten vor McCain. Bei Hillary Clinton ist es umgekehrt: Da führt der Senator aus Arizona mit 1,4 Punkten. Bis zum Wahltag aber sind es noch fast neun Monate. Und deshalb richtet sich das Augenmerk auf das Duell Clinton – Obama, das womöglich erst auf dem Parteitag in Denver (August) entschieden wird. Erste Frage: Wie heftig werden sich die beiden zerfleischen und damit dem Wahlvolk ein hässliches Bild von den Demokraten bieten? Zweitens gibt es einen Joker namens „Super-Delegierte“ – 796 Ungewählte, die aus dem Partei-Establishment kommen. Die könnten bei einem Patt den Ausschlag geben. Wenn sich diese Truppe für eine der Ihren, also Clinton, entscheidet, könnte der nächste Präsident sehr wohl McCain heißen.

Angela Merkel lehnt ein stärkeres Engagement in Afghanistan strikt ab. Aus Überzeugung oder wegen der Innenpolitik?

Was ein Politiker, ja jeder Mensch, wirklich glaubt, können allenfalls Pfarrer und Psychotherapeuten herausfinden. Unsereins darf nur spekulieren. Ein kühler analytischer Kopf würde die Staatsräson so definieren, dass Berlin weder die Nato noch die Zukunft Afghanistans (ohne Taliban und Al Qaida) riskieren dürfe. Ein kühler Machtpolitiker denkt aber an das Nächstliegende: an den Erhalt der großen Koalition heute und den Wahlsieg 2009. „All politics is local“ ist zwar eine amerikanische Politikweisheit, lässt sich aber gut ins Deutsche übersetzen: „Alle Politik ist Stimmungs- und Koalitionspolitik.“

Unions-Fraktionschef Kauder hat der 68er-Bewegung ein „totalitäres“ Politikverständnis vorgeworfen. Hat er recht?

Mein Gott, müssen wir diese Schlacht noch immer nachstellen? Da waren schon richtig üble Figuren dabei, die tatsächlich in leninistischen oder maoistischen Kategorien dachten, auch in die RAF abglitten. Ein paar wenige sind bei den Neonazis gelandet. Ansonsten findet „WmdW“ bei der Politikergeneration der 60-Jährigen trotz angestrengter Suche keine Totalitären; die revolutionsbeseelten Straßenkämpfer von damals haben auf dem Marsch durch die Institutionen die Jeans mit dem Dreiteiler vertauscht. Oder sie tragen Designerjeans.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Die innenpolitische Blockade in der Afghanistanfrage erinnert auch an das Ende der (sehr vorsichtigen) Schröder’schen Reformpolitik. Beides wirft eine quälende dritte Frage auf, die noch nicht ins öffentliche Bewusstsein getreten ist: Ist diese Koalition noch politikfähig – nach innen wie nach außen?

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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