Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Unsere Manager verdammen – und sich auf Kontinuität bei den Russen freuen

Das Kosovo erklärt sich unabhängig. Ist das völkerrechtsgemäß?

Ob jemand sich abspalten kann, ist nicht eine Sache des Völker-, sondern des Binnenrechts. Kein Staat sieht es gern, wenn ein Teil „ciao“ sagt; die USA haben 1861-65, als der Süden die Sezession betrieb, den verlustreichsten Krieg ihrer Geschichte ausgefochten – mit doppelt so vielen Toten wie im Zweiten Weltkrieg. Das Völkerrecht spielt insofern eine Rolle, als der neue Staat internationale Anerkennung braucht. Ein unabhängiger Kosovo wird zumindest die Anerkennung von der EU und den USA bekommen. Das reicht für’s Erste.

Postchef Klaus Zumwinkel soll Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben. Wie verkommen sind unsere Manager?

Die üblichen Verdächtigen von der SPD bis Verdi ziehen eben diese unzulässige Verbindung zwischen Z. und „unseren Managern“. Das ist sozusagen „Inländerfeindlichkeit“, genauer: DAXlerfeindlichkeit, die mit der Gruppe auch das Wirtschaftssystem zu diskreditieren sucht. Wenn aber einer Steuern hinterzieht, ist das ein Individual-, kein organisiertes Verbrechen. Eine Million ist schlimm genug, schlimmer war Zumwinkels „Kunststück“ im Dickicht des „Rheinischen Kapitalismus“: mit Hilfe von Staat und Gewerkschaft einen Mindestlohn für Postler durchzudrücken, der den privaten Konkurrenten PIN auszuschalten droht. Und wenn der Steuerzahler mit 2,3 Milliarden für die ruchlose Unfähigkeit der IKB-Führung aufkommen muss? Wo sind die Stamokapler, wenn man sie wirklich braucht? (Stamokap brandmarkt den Staat als Reparaturbetrieb des von ihm begünstigten Big Business.)

Ministerpräsident Erdogan warnt die Türken in Deutschland vor Assimilation. Zu Recht?

Wenn er damit meint, die Türken sollten weder die Sprache lernen, noch ihre Kinder zum Schulabschluss bewegen, wäre das ein Aufruf zur Unmündigkeit. Aber Erdogan hat auch der Integration das Wort geredet. Bloß: Gibt es Integration ohne Assimilation? Assimilation ist ja keine Abkehr von Döner und Moschee, sondern die Aneignung jener kulturellen Werkzeuge, die Aufstieg und Wohlstand verheißen. Jede Einwanderergruppe hängt an ihrer Vergangenheit, die Schutz und Vertrautheit bietet. Doch Herkunft ist nicht Zukunft, auch nicht für deutsche Kinder.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik...

Die darf sich auf Kontinuität bei den russischen Freunden freuen. Putin hat die Katze aus dem Sack gelassen: Nachfolger Medwedew darf in etwa die Funktionen eines Köhlers übernehmen, die „höchste ausführende Gewalt hat die Regierung, die von ihrem Premier (= Putin) geführt wird“. Das ist beruhigend im Vergleich zu unseren demokratischen Nachbarn im Westen, wo wir uns dauernd an neue Namen gewöhnen müssen: Sarkozy, Brown, Clinton/McCain/Obama...

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: SB.

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