Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Despoten, Ex-Despoten – und die guten Menschen von Ökostan

Proteste rund um den olympischen Fackellauf: War es ein Fehler, die Spiele nach Peking zu vergeben?

Es ist immer ein Fehler, die Spiele in einer Diktatur abzuhalten. Deren Ziel – siehe 1936 in Berlin – ist es stets, sich eine weiße Pfote zu machen. Den Nazis gelang das, obwohl die Verfolgung 1936 schon auf vollen Touren lief (Juden, SPD, KPD). Den Sowjets gelang dieser Trick 1980 nicht mehr; sie hätten den Einmarsch in Afghanistan (Dezember 1979) auf den Herbst 1980 verschieben müssen. Peking hätte ebenfalls die Spiele abwarten müssen. Bloß macht Mehl auf der Pfote aus einem Wolf keine Ziege. Im Zweifelsfall siegt das „genetische Programm“, weshalb sich Despoten auch durch eine schlechte Presse nicht zähmen lassen.

Deutsche Elitepolizisten haben libysche Sicherheitskräfte ausgebildet. Ist das Land noch ein Schurkenstaat?

Der arme Gaddafi. Da holt er sich die ruhmreichen Deutschen (die schon den Zaren und den afghanischen Königen beim Polizei-Aufbau geholfen haben) und gerät ins Zwielicht. Hätte er denn Kubaner oder Chinesen anheuern sollen? Only the best, und deshalb hat er sich vertrauensvoll an die demokratischen Deutschen gewandt. Problematisch bei der Entwicklungsarbeit ist nur, dass die Beamten ihre Nebentätigkeit nicht gemeldet haben. Steuernachzahlung muss also sein.

Der Biosprit-Hype hat das globale Hungerproblem verschärft. Wie gefährlich ist der Ökologismus?

Diese Art des Ökologismus schon. Es reicht nicht, gut zu sein (und dabei auch noch gut zu verdienen). Der Gute Mensch von Ökostan (frei nach Brecht) muss die Konsequenzen bedenken, und die hätte er sich an seinen fünf Fingern ausrechnen können. Hoffen wir, dass der Hype pädagogisch wertvoll ist. Andererseits ist Biosprit nur ein winziger Teil der hochschießenden Nahrungsmittelpreise. Der wahre Schuldige ist der wachsende Wohlstand in der einst Dritten Welt, der die Nachfrage und damit die Preise von Rohstoffen treibt – von Reis bis Stahl. Reis ist bislang noch nicht vom Teller in den Tank gewandert. Die gute Nachricht: Hohe Preise mehren das Angebot. Die Weltbank prognostiziert sinkende Preise ab 2009.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

Deutschland darf sich glücklich schätzen, dass die olympische Fackel nicht durch Berlin getragen wurde. Stellen wir uns vor, die wäre im Landwehrkanal versenkt worden. Oder diese chinesischen Kraftmenschen in ihren blau-weißen Trainingsanzügen wären auf Pro-Tibeter losgegangen. Hätten wir die dann verhaftet? Die Rache Pekings wäre fürchterlich gewesen: mindestens drei Wochen Exportembargo auf Essstäbchen, Spielzeug, T-Shirts und Playstations made in China. Dieser Schmerz bleibt uns erspart.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal.

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