Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Gegen die eigene Unerfahrenheit ankämpfen und hübsche Coups landen

Der Bundesrat ratifiziert den EU-Vertrag, Berlin enthält sich der Stimme. Was lehrt uns das?

Dass eine Landesregierung, die mit der Linken paktiert, in solchen außenpolitischen Fragen kuschen muss. Doch hält sich der Schaden in Grenzen: Wowereit konnte sich die Enthaltung sehr gut leisten, weil das Votum die Ratifizierung nicht gefährden konnte. Aber diese Provinzposse gibt ein weiteres Argument gegen Rot-Rot her, wie Steinmeier zu Recht notiert: „Mit der Linken ist nicht nur keine Außenpolitik, sondern auch keine Europapolitik zu machen.“ Weiß das auch der linke Flügel der SPD?

Nach acht Jahren Bush sehnen sich viele Amerikaner mit Obama erneut nach einem unerfahrenen Politiker. Warum?

„Running against Washington“, also: „Ich bin gut, weil ich unbeleckt bin“, ist ein alter Wahlkampfhit in Amerika. Und Teil des Selbstverständnisses einer Nation, die sich stets neu erfinden will. So haben Carter, Reagan und Clinton gesiegt. Nur waren diese drei Ex-Gouverneure in Wahrheit erprobte Regierungschefs, zumal Reagan, der den Riesenstaat Kalifornien acht Jahre lang geführt hatte. Obama aber ist gerade mal seit 2005 im Senat, und er wird in den nächsten Monaten just gegen seine Unerfahrenheit ankämpfen müssen. In diesen Krisenzeiten – Dollar, Abschwung, Irak, Afghanistan – könnten die Amerikaner sehr wohl einen dann 72-Jährigen vorziehen.

Israel und Syrien verhandeln. Um welchen Preis lässt sich Damaskus aus der Achse mit Teheran herauslösen?

Wahrscheinlich um gar keinen. Der Golan reicht jedenfalls nicht; den hat Israel den Syrern immer wieder angeboten, seit 1992 Rabin, Peres und Barak. Demnach käme es dem Minderheitenregime der Alawiten ganz zupass, diesen Schwelkonflikt für den inneren Machterhalt zu nutzen. Der Deal könnte allenfalls zusammen mit Amerika funktionieren, also mit einem Angebot, das Syrien die Vorherrschaft im Libanon und ein gedeihliches Verhältnis zum Westen zugesteht. Dafür müsste Syrien mit dem Iran und dessen Stellvertreter Hisbollah brechen, zudem den Hamas-Chef Maschal aus Damaskus vertreiben. Das Regime der Assads ist nicht berühmt für radikale Kurswechsel.

Ein Wort zum deutschen Außenminister …

Der hat schon seinen Finger gehoben, um bei der Annäherung Israel–Syrien mitzuhelfen. Da wird sich vorweg die Türkei freuen, die den Vermittler-Job schon an sich gerissen hat (das erste Treffen fand in Istanbul statt). Diese Nummer – siehe Frage 3 – ist etwas zu groß für Berlin. Dafür Hut ab vor Ankara. Die Maklerrolle ist ein hübscher Coup. Leider haben es die Türken nicht geschafft, beide Seiten zur Geheimhaltung zu verdonnern. Folglich ist der Deal eigentlich schon geplatzt – oder er wird anderswo ausgehandelt werden.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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