Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Wutausbrüche inszenieren und die soziale Marktwirtschaft preisen

Joffe
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Davos I: Putin warnt vor zu viel Staatsinterventionismus sowjetischer Prägung. Ist er der letzte Freiheitskämpfer?

Na klar, so wie meine Katze der letzte Vegetarier ist. Diese Warnung hat sogar Bill Clinton in Davos belustigt, der hinterher über Putins Marktwirtschaftspredigt sagte: „I wish him luck.“ Bei etwas privateren Gesprächen außerhalb des Plenums hat Putin etwas indirekter, aber genauso zynisch den Staatskapitalismus zelebriert. Etwa bei Gasprom, wo der Kreml seinen Anteil auf 51 Prozent angehoben habe. Dies sei im Interesse des Konsumenten geschehen, weil es die Konkurrenzfähigkeit erhöhe. „Die Verbraucher mögen das“ – was unsereins allerdings eher als Staatsmonopolkapitalismus verstehen würde. Und die Ukraine et alii ebenfalls, die unter wiederholtem Gasentzug leiden.

Davos II: Erdogan inszeniert einen Krach mit Israel. Was steckt dahinter?

Erstens die kommenden Kommunalwahlen, wobei die Rechnung schon in dieser Woche aufging. Bei der Rückkehr wurde er am Flughafen von den enthusiasmierten Massen wie ein Held empfangen. Zweitens scheint Erdogan mit einem Rollenwechsel zu liebäugeln: mit der Türkei als Führer der islamischen Welt, nachdem Iran sich selber aus der Rolle gekegelt hat und die üblichen Verdächtigen wie Riad und Kairo fest im amerikanischen Lager stehen. Ob das dem nationalen Interesse dient? Die Vermittlungsfunktion zwischen Israel und den Arabern ist durch diesen kalkulierten Wutausbruch gegen Shimon Peres entwertet worden. Und die Regierung Obama hat sofort reagiert. Der Nahost-Vermittler Mitchell hat seinen Ankara-Besuch abgesagt.

Davos III: Nach Merkels Rede – wird die Weltwirtschaft am deutschen Wesen genesen?

In ihrer Rede schlug die Kanzlerin die soziale Marktwirtschaft als globales Modell vor. Freilich herrscht dieser Typus überall vor, selbst im Lande des „Raubtierkapitalismus“, wo der Staat reichlich, ja überreichlich in der Wirtschaft interveniert. Der „Dritte Weg“ zwischen Befehlswirtschaft und unreguliertem Markt ist längst global verankert (außer in Kuba und Südkorea). Überrascht wurden die Davosaner von dem Ruf eines „Weltwirtschaftsrates“ unter dem Dach der UN, zumal jene aus den G-20-Ländern des neuen Weltwirtschaftsforums, das im April zusammentreten wird.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

Wie sehr Außenpolitik derzeit out ist, zeigt das Verhalten der beiden Wirtschaftsgroßmächte USA und Deutschland. Die Obama-Regierung hat keinen höheren Repräsentanten zum Weltwirtschaftsforum entsandt. Die deutsche Kanzlerin kam später als geplant und verkürzte ihren Aufenthalt auf ein Minimum: eine Rede vor dem Plenum, etwas Smalltalk. In beiden Hauptstädten mussten Konjunkturpakete im Parlament geschnürt werden.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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