Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Angst haben – vor finanziellen Massenvernichtungswaffen

Der neue US-Geheimdienstkoordinator Dennis Blair sagt, die Sicherheit Amerikas sei stärker durch die Finanzkrise als durch Al Qaida bedroht. Hat er recht?

Ja. Al Qaida hat seit 2001 keinen einzigen Schlag gegen die USA geschafft, seit Madrid (2004) und London (2005) auch keinen gegen Europa. Und selbst wenn, können sich solche Angriffe nicht zu einer strategischen Bedrohung

verdichten. (Die Terrorwaffen V-1 und V-2 haben 10 000 Londoner getötet, aber den Willen der Briten im WK II nicht gebrochen.) Dagegen sind die „finanziellen Massenvernichtungswaffen“ tatsächlich eine strategische, also tödliche Bedrohung unseres „Way of Life“, der auf dem Vertrauen zwischen Banken und von Banken zu ihren Kunden ruht – auf den freien Kapitalfluss. Funktioniert das nicht mehr, heißt es zurück in die Agrar- und Tauschwirtschaft. Oder in den Gosplan-Sozialismus. Und wer produziert und finanziert dann den PC, auf dem WmdW gerade schreibt?

Wladimir Putin kürzt wegen der Finanzkrise den russischen Militäretat. Ein gutes Beispiel auch für uns?

Das ist eine gute Nachricht und zeigt abermals, dass Russland eine Drittweltwirtschaft mit Raketen ist. Fällt der Ölpreis, wackelt der Putin-Staat, wankt auch die Bereitschaft zu einer aggressiven Außenpolitik. Bei 37 Dollar pro Barrel würde Russland nicht in Georgien einfallen (damals: 90 Dollar). Heute redet auch Vizepremier Iwanow auf der Münchner Sicherheitskonferenz viel netter als vor zwei Jahren sein Boss. Der deutsche Wehretat ist übrigens mager. Er beträgt etwa ein Prozent der Wirtschaftsleistung, im Kalten Krieg waren es knapp drei.

Der Papst will nach Israel. Rettet das seine Reputation?

Auf jeden Fall ist das eine gute Idee. Inzwischen ist WmdW nachdenklicher geworden. Ist Benedikt dem Kurienkardinal Hoyos, der die Ent-Exkommunizierung der Piusbrüder-„Viererbande“ betrieben hatte, wirklich ins Messer gelaufen? Der Münchner Theologe Friedrich W. Graf schreibt: Im „Zentrum des Vatikan“ war es „durchaus bekannt, dass die sogenannten Traditionalisten einen radikalen Antijudaismus vertreten, den ‚Ökumenismus‘ in Richtung Protestanten ablehnen (und) einen katholischen Sittenstaat fordern“. Der Papst wolle vor allem die Einheit der Kirche. Bloß hat er mit dem Holocaust-Leugner Williamson genau das Gegenteil geschafft.

Ein Wort zum deutschen Außenminister ...

WmdW hält es mit Kurt Kister von der „Süddeutschen Zeitung“, der im Rückblick auf die CSU-Glosiaden schreibt, dass Merkels Vorzüge („solide, verlässlich“) auch die „Popularität Steinmeiers erklären. Zwischen ihm und Merkel gibt es so viele Ähnlichkeiten, dass das beiden im Wahljahr nicht recht sein kann“. Pass auf, Mr. 18 Prozent; es könnte wieder eine große Koalition geben.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. - Fragen: fal

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