Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Teheran verwirren, Osteuropa retten und über Weltökonomie streiten

Barack Obama bietet Iran einen Neuanfang an, doch Teheran verlangt mehr. Macht sich der US-Präsident lächerlich?



Jeder amerikanische Präsident will sich von seinem Vorgänger absetzen und gerät so in die Falle des Voluntarismus. Das ist die fromme Vorstellung, dass etwas guter Wille alle Unbill der Vergangenheit vertreiben könne. Rasch lernt er aber, dass nicht die üble Atmosphäre den Interessenkonflikt erzeugt, sondern umgekehrt. Wenn Obama den Iranern die Atombombe und die Vorherrschaft über Nahost ließe, würde er Liebesschwüre in Teheran ernten. Da die USA aber die Vormacht in der Region bleiben wollen und die revolutionären Umtriebe der Khomeinisten (zum Beispiel den Staatenmord an Israel) gar nicht schätzen, wird aus der Versöhnung nix. Aber: Obama ist natürlich nicht blöd. Es geht hier darum, den liberaleren Kandidaten gegen den finsteren Achmadinedschad am 12. Juni zu stärken.

Die EU legt ein Milliardenprogramm für Osteuropa auf. Wie stabil ist die Gemeinschaft in der Krise?

Offensichtlich viel stabiler, als die Skeptiker glaubten. Es klang bis vor kurzem gerade aus deutschem Munde so, als sollten sich die EU-Ossis bitteschön selber helfen. Nun hat Berlin erkannt, dass sich Deutschland keine Verwerfungen im östlichen Grenzland der EU leisten kann. Folglich hat Frau Merkel der Verdoppelung der Notkredite an die Osteuropäer von 25 auf 50 Milliarden Euro zugestimmt. Richtig so. Aber die Ost-Nachbarn kriegen sowieso schon sehr viel mehr Bares aus Brüssel. Das funktioniert wie ein Dauerkonjunkturprogramm.

Israelische Soldaten berichten Erschütterndes über ihren Einsatz in Gaza. Alles Einzelfälle?

Bis jetzt ja. Ethan Bronner von der New York Times, der die Sache in den USA publik machte, spricht von „anecdotal accounts“ – also Einzelfällen. Wichtig ist zweierlei. Erstens, dass diese Horrormeldungen an die Öffentlichkeit geraten, und zweitens, dass die Soldaten, wenn sie denn gezielt Zivilisten erschossen hätten, in Israel vor Gericht gestellt werden (zwei Untersuchungen sind bereits eingeleitet worden). Derlei hat man aus Tschetschenien (oder Kongo oder Darfur oder dem Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988, mit einer Millionen Toten) nicht gehört.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik...

Diese spürt gerade den Nachteil von Größe und Macht. Die Franzosen geben bloß 1,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt für Konjunkturspritzen aus, die Deutschen 3,4. Merkel zeigt also fast dreimal mehr ökonomische Tugend als Sarko. Und trotzdem kriegt Berlin den Druck aus dem Ausland, zumal aus Amerika, am stärksten zu spüren. Von Frankreich lernen, heißt, PR-Tricks zu lernen. Oder vielleicht, wie man unseren Finanzminister ermuntert, öffentlich etwas verbindlicher zu plaudern.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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