Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Auf Merkels Rede an die Nation warten und Russland umgarnen

Joffe
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Immer weniger Deutsche stehen hinter dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Muss die Kanzlerin eine Rede an die Nation halten?



Das wäre schön, nützlich und geboten. Schließlich befinden wir uns in einem typischen Krieg des 21. Jahrhunderts: weit weg, ohne erkennbares Ende, mit einem Feind, gegen den der Westen die Vorteile seiner Hightech-Armeen nicht 1:1 ausspielen kann. Und doch ist es nicht im deutschen Interesse, dass Taliban und Al Qaida die Herrschaft über Afghanistan zurückgewinnen. Eine Terrorbasis in der gefährlichsten Ecke der Weltpolitik? Die deutschen Interessen in einer Rede an die Nation zu artikulieren, wäre wichtig. Aber mitten im Wahlkampf? Außerdem ist das Meinungsbild mit 55 Prozent dagegen und 42 Prozent dafür zu diffus, um die Regierung wirklich in Bedrängnis zu bringen.

Obama in Moskau: Wie wichtig ist Russland noch für die US-Außenpolitik?

Wichtig genug. Obama braucht die Russen gegen den Iran und Nordkorea; zumindest sollen sie ihm in bewährter Manier keine Knüppel zwischen die Beine werfen – nach der Devise: „Dein Verlust ist mein Gewinn.“ Diese Rivalität können keine guten Worte in verlässliche Kooperation verwandeln. Aber Moskau leidet gegenüber den USA seit jeher an einem Minderwertigkeitskomplex. Russland zu umgarnen kann hier und da Früchte zeitigen – zum Beispiel, wenn Moskau wie zuletzt dem Westen erlaubt, Nachschub für Afghanistan über sein Territorium einzufliegen.

Amnesty International (AI) hat Israel wegen des Gazakriegs scharf kritisiert. Wie glaubwürdig sind die Vorwürfe?

Amnesty International ist kein Freund Israels, hat aber beide Seiten scharf kritisiert. Der Angriff auf Gaza sei „beispiellos“ in seiner Härte gewesen, die Hamas aber habe mit ihren Raketen auf israelische Städte „ungesetzlich“ gehandelt. Jedenfalls haben beide Seiten den Bericht als „unausgewogen“ kritisiert. Insbesondere behauptet AI, dass die Hamas die Bevölkerung nicht als „menschliche Schutzschilder“ missbraucht habe. Wie nennt man es, wenn Angriffe aus dicht besiedelten Gebieten erfolgen? Die Genfer Konventionen haben das strikt verboten.

Ein Wort zum deutschen Außenminister ...

Wie soll einer am Kabinettstisch Wahlkampf betreiben? Aus dieser Falle kommt der honorige Steinmeier nicht heraus. Schon gar nicht gegen eine Union, die sich „CSU-isiert“ hat: Sie ist links und rechts, pro Markt und pro Staat, für und gegen höhere Abgaben, gegen den Krieg und für Afghanistan. Wie soll man in diesem Supermarkt ein „Alleinstellungsmerkmal“ herstellen, zumal man doch wieder eine große Koalition will? WmdW will einen „Verein zur Rettung der SPD“ gründen. Denn wir brauchen eine starke Opposition.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

Fragen: fal

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