Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Irans Füchse verstehen, Obamas Saat begießen, Blairs Englisch preisen

Nach der Freitagspredigt im Iran: Hat die grüne Revolution noch ein Chance?



Das hängt von der Messlatte ab. Einerseits waren wieder Massen von Menschen auf den Straßen. Andererseits hat Vorbeter Rafsandschani, Ex-Präsident und schlauester Fuchs des Regimes, nicht wirklich Farbe bekannt, wie es ihm die hiesigen Medien unisono zuschrieben. Er sprach nicht von Wahlfälschung, sondern von Folgen, die „wir uns nicht gewünscht hätten“, aber „das ist jetzt hinter uns“. Sein radikalster Wunsch: die Freilassung von Inhaftierten und keine Zensur für Medien, die eine „staatliche Lizenz“ haben. Die Revolution auf der Straße geht weiter, die Füchse stecken nur das Näschen aus dem Bau. Entschieden wird der Machtkampf drinnen.

US-Präsident Barack Obama ist ein halbes Jahr im Amt: Was läuft gut, was läuft schlecht?

Die Ernte ist noch lange nicht eingefahren; die Saat zeigt nur Sprösslinge. Obamas ist die Politik des Neustart-Knopfes: Iran, die islamische Welt, Russland, Europa (Stichwort Klimaschutz). Dahinter steht die Grundfrage: Sind nette Menschen besser aufgestellt als die Ein-Mann-Achse des Bösen namens George W., der Deutschen liebste Hassfigur? Zumindest müssen die anderen dann ebenso nett „nein“ sagen, wie etwa Merkel, die sich Obamas Wunsch nach dickeren Konjunkturspritzen nicht gebeugt hat. Putin fletscht nicht mehr die Zähne, denkt aber nicht daran, seine imperialen Ambitionen im „Nahen Ausland“ aufzugeben. Teherans Bombenprogramm läuft auf Höchsttouren weiter. In 100 Tagen wieder fragen.

Tony Blair will EU-Präsident werden. Ist der britische Ex-Premier dafür geeignet?

Selbstverständlich. Erstens sieht er gut aus. Zweitens kann er richtig gut Englisch, was man von den Kommissionspräsidenten Barroso, Prodi oder Delors nicht sagen kann. Englisch ist wichtig, weil es die globale Sprache schlechthin ist und mit seinem gewaltigen Vokabular (dreimal größer als Französisch) viele Schattierungen zulässt, was in der Diplomatie doch sehr nützlich ist. Drittens hat Blair kaum noch Wurzeln in der britischen Politik; diese Abgehobenheit verleiht ihm die Flughöhe, die man braucht, um nicht mit 27 Mittel- und Kleinmächten zu kollidieren.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

Merkel („Happy Birthday“ zum 55.) traf Präsident Medwedjew bei München. Jetzt sind die beiden Facebook-Friends; so nett ging’s her, obwohl M. den jüngsten Mord an einer Bürgerrechtlerin deutlich gegeißelt hat. Der russische Staatschef hat, wie immer, Aufklärung gelobt. Was will man mehr? Fragt sich nur, wem die Kanzlerin mit der Lokalität die eigentliche Ehre erweisen wollte: dem Russen oder den renitenten Seehoferisten?

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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