Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Den falschen Glauben verlieren und auf der Flucht vor der Kirche sein

Fünf Jahre Benedikt XVI.: Sind wir immer noch Papst?

Eine hinterhältige Frage, die zu Ärger mit der Una Sancta oder, noch gefährlicher, mit der „Bild“-Zeitung führt. Der Papst muss auch Politiker sein; Benedikt ist hauptsächlich ein Intellektueller, der als Chef der Glaubenskongregation fürs Ideologische zuständig war. Das Problem der Allumfassenden ist nicht, dass sie zur Allanfassenden geworden wäre; siehe die Elite-Internate und demnächst bestimmt auch die Pfadfinder und Sportvereine. Das Problem in D ist die „Entchristianisierung“ im Sinne von Kirchenflucht, wobei die Austritte bei den Ev.-Luth. (2008: 170 000) höher sind als bei den Röm.-Kath. (120 000). Der USP schwächelt. Die katholische Kirche bleibt aber der älteste und erfolgreichste Multi auf Erden. Heute hat sie 1,2 Milliarden Mitglieder, 1950 waren es 430 Millionen. Das Geschäftsmodell funktioniert, ganz gleich, wer Pontifex ist.

Europäer müssen länger als geplant auf das iPad warten. Stimmt Sie das traurig?

WmdW denkt nicht daran, sich so ein fettes iPhone zu kaufen, mit dem man nicht mal telefonieren kann – es sei denn, man kauft eine 3G-Option für den Preis von zwei Handys dazu. Wie hält man sich so ein Ding ans Ohr? Oder versteckt es beim Plausch im Auto vor der Polizei? Multitasking geht auch nicht. Dennoch ist das Pad die fünfte große Revolution im Zeitungswesen, nach Tontafeln, Pergament, Stadtboten und Papier. Was heute klobig und unpraktisch ist, wird dünner, leichter, billiger und sogar biegsam werden. Und so die Zeitung retten, die mit dem Papier die Hälfte ihrer Kosten verlöre. Das ist just der Anteil, den die Werbung mal brachte.

Wessen Trauer um Polens Präsident Lech Kaczynski war echter? Die der Russen oder die der Deutschen?

Das ist keine nationale Sache. Wenn der halbe Staat in einem Flugzeugunglück umkommt, ist das ein schwerer Schock für jedermann. Bei den Russen muss die Katharsis aber noch größer gewesen sein, hatten sie doch noch nicht verarbeitet, was Stalin den Polen angetan hat: von der Zerstückelung 1939 über das geleugnete Katyn-Massaker bis zur Unterdrückung 1946–1989, während die Deutschen schon 1970 mit der Aussöhnung begonnen hatten. Putin ist ein kalt kalkulierender Machtmensch; dass er so viel Regung und Mit-Leid gezeigt hat, sei ihm hoch anzurechnen.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Wieder vier Gefallene in Afghanistan, und es werden mehr werden. Die Trauer um die Toten ist so geboten wie die Besonnenheit der Regierung Merkel. Dieser Staat hat 2001 „Ja“ zum Krieg gesagt, wiegte sich aber in dem falschen Glauben, nicht im Krieg zu sein. Erst wer sich ehrlich macht, kann halbwegs rational über Gründe, Strategie und Erfolgsaussichten nachdenken.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

Fragen: fal

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