Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Den Libanon an den Euphrat und Detroit nach Kalifornien verlegen

Nach dem G-20-Gipfel: Was ist schlimmer für die Weltwirtschaft – die US-Geldpolitik oder die Export-Überschüsse von Deutschland und China?

Letztendlich die 600-Mrd.-Geldschwemme, in der die Zentralbank zwei Konjunktur-Feinde ertränken will. Einmal will sie mit noch mehr Geld die Nachfrage daheim stimulieren; zum Zweiten mit einem abgewerteten Dollar Nachfrage von außen – durch verbilligte Exporte – reinholen. Das Dumme daran ist, dass die Rechnung nicht aufgehen wird. Denn schon steigt die Inflationsflut, die US-Produkte auf dem Weltmarkt trotz gewollter Abwertung verteuern wird. Außerdem verheißt die Inflation höhere Zinsen daheim, die nicht gut für die Konjunktur sind. Bevor diese beiden Kräfte durchschlagen, verringert sich allerdings das Handelsdefizit, weil die Amis weniger im Ausland kaufen. Nur ist das nicht gut für den Rest der Welt, weil so die Konjunkturmaschine USA langsamer dreht. In ihrem Exportwahn (je 40 Prozent vom BIP) werden China und Deutschland keinen Ersatz leisten. Konsumverzicht ist ihre Leitkultur.

Im Irak nimmt die zweite demokratisch gewählte Regierung seit Saddams Sturz Konturen an. Ein Grund zur Hoffnung?

Na ja, je länger genäht wird, desto besser hält es. Anderseits sind acht Monate Patt ein Zeichen des enormen Gruppenegoismus im Irak – von Schiiten, Sunniten und Kurden. Der verheißt entweder eine hochlabile oder total unbewegliche Regierung. Also ein bisschen Libanon zwischen Euphrat und Tigris. Andererseits: Das ist jetzt schon die zweite demokratisch legitimierte Regierung im Irak – einzigartig in der arabischen Welt. Besser ein langes Feilschen als ein kurzer Prozess. Und viel besser der alte Maliki als ein neuer Saddam.

Benjamin Netanjahu bereist die USA. Stärkt das Ergebnis der Kongresswahlen seinen Kurs?

Jede Zwischenwahl, die den Präsidenten schwächt, stärkt dessen Problempartner im Ausland – in diesem Fall, weil die Wahlgewinner, die Republikaner, israelfreundlicher sind als die Demokraten. Außerdem: In den letzten beiden Jahren der Amtszeit rückt die Innenpolitik, genauer: der nächste Wahlkampf ins Zentrum. Ist der Kater anderswo beschäftigt, lässt er die Mäuse in Ruhe. Netanjahu kann in der zweiten Halbzeit auf Zeit spielen.

Ein Wort zu Amerika …

Während Amerika noch irgendwo zwischen Rezession und Erholung stolpert, feiert Silicon Valley – dieser 80-km-Vorort zwischen San Francisco und San Jose – eine Sonderkonjunktur. Google erhöht das Salär für seine Führungskräfte um 30, für den Rest um zehn Prozent. Warum? Weil im Hightech-Tal die Arbeitskräfte rar werden. Möglich, dass hier ein Wachstumsimpuls für das ganze Land entsteht – wie früher durch die Autoindustrie in Detroit.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der Stanford University. Fragen: mos.

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