Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Al Qaida infiltrieren, nicht Russisch sprechen und Obamas Fall verfolgen

Terrorwarnung in Berlin: Warum hasst Al Qaida plötzlich die Deutschen?

Das hat nichts mit „plötzlich“ oder mit den Deutschen zu tun. Die „Sauerlandgruppe“ war schon lange vorher unterwegs, bevor sie 2007 geschnappt wurde. Überall beobachten die Dienste einen Anstieg der Terroraktivitäten in diesem Jahr – siehe die Bombenpakete, die aus dem Jemen nach Amerika versandt wurden. Anderseits lassen all die aufgedeckten Pläne vermuten, dass es der westlichen und arabischen Terror- abwehr gelungen ist, Al Qaida zu infiltrieren. Zum Beispiel die Jemen-Paketbomber: Verraten wurde das Projekt von einem Saudi, der aus Guantanamo freigelassen und von den Saudis „umgedreht“ wurde.

Schon 40 Prozent der Russen finden die Nato gut. Wird aus der Beziehung doch noch eine Liaison?

Die gibt es schon, zum Beispiel im Nato-Russland-Rat. Außerdem haben die Russen dem Bündnis gerade erlaubt, den Nachschub nach Afghanistan, der über ihr Territorium führt, zu verstärken. Mag sein, dass die Ex-Roten irgendwann in die Nato kommen, wenn die Sorge vor einem gemeinsamen Feind größer wird als die Machtrivalität mit dem Westen. WmdW fände das gar nicht gut. Wie er die Russen kennt, würden sie Russisch als offizielle Nato-Sprache fordern. Wir haben schon genug Probleme damit, all die Osteuropäer gebrochenes Englisch zu lehren. Außerdem ist „Hi“ als Grußformel kürzer als „Drastwuidsche“.

Im ersten zivilen Guantanamo-Prozess wurde der Angeklagte in fast allen Punkten freigesprochen. Gehören mutmaßliche Terroristen trotzdem vor ordentliche Gerichte?

Ja, aber für den einen Punkt, Nr. 284 von 285, beträgt die Mindeststrafe 20 Jahre (wegen Verschwörung). Außerdem sagte der Richter während dieses Zivilprozesses: Ghailanis Status als „Kriegsteilnehmer erlaubt wahrscheinlich seine Internierung, bis die Feindseligkeiten vorbei sind, selbst wenn er in diesem Fall nicht für schuldig befunden werden sollte“. Mit anderen Worten: Selbst ein Freispruch hätte unbefristete Haft bedeuten können. Das wäre nicht der Rechtsstaat, den Obama zelebrieren wollte, indem er Militärtribunalen die Gerichtsbarkeit entzog. Wahrscheinlich war dies der letzte Zivilprozess. Das Oberste Gericht hat Militärtribunale für rechtmäßig erklärt.

Ein Wort zu Amerika …

Würde heute gewählt, wäre Obama verloren. Nur 39 Prozent der Befragten meinen, er verdiene die Wiederwahl (54 Prozent sagen Nein). In einer anderen Umfrage, wo Obama hypothetisch gegen die Republikaner Mitt Romney und Mike Huckabee antrat, zog der Präsident den Kürzeren. Aber die echte Wahl findet erst in zwei Jahren statt.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“ und unterrichtet bis Jahresende an der Stanford University. Fragen: mal

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