Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Eine Standleitung nach Kairo unterhalten und multikulti sein

Vom Siedlungsbau in Israel bis zu Hosni Mubarak: Niemand im Nahen Osten hört noch auf die USA. Warum?

In Ägypten hören sie sehr wohl auf Amerika. Der Sondergesandte Wisner hat Mubarak davon überzeugt nicht mehr zu kandidieren – und die Armee, nicht zu schießen. Kein Wunder, kriegt die doch jährlich 1,5 Milliarden Dollar aus den USA und das Land ebenso viel an Entwicklungshilfe. Die Generalität ist mit Washington praktisch auf Standleitung. Wie die USA sich verhalten, interessiert gewiss auch die anderen Potentaten. Netanjahu ist eine andere Story. Der torkelt von einer Binnenkrise zur anderen; er hört dem zu, der am lautesten schreit. Im Vergleich zu Jerusalem ist Berlin ein Ausbund an Rationalität und Zusammenhalt. Außenpolitik findet in Israel nicht mehr statt.

Erst Merkel, jetzt sagen auch Cameron, Sarkozy und der Vatikan: Multikulti ist gescheitert. Stimmt das?

Multikulti als Pluralismus nicht; wir sind alle irgendwie „multikulti“ und wollen unsere verschiedenen Identitäten ausleben. Gescheitert ist die Idee, dass der Staat den Neuen keine verbindlichen Regeln und Werte vermitteln möge. Die Zwangsheirat eines „weißen“ Mädchens fänden wir gar nicht gut; bei einer Migrationshintergründlerin zucken wir die Schultern – „so sind die eben“ (was eine Art wohlwollender Rassismus ist). Diese Art von Kulti schadet den Multis mehr als den Eingeborenen, weil sie ohne Sprach- und Berufsausbildung nicht hochkommen. Im Übrigen hat England das größere Problem: Einwanderer der zweiten, dritten Generation, die ihre ethnisch-religiöse Identität höher halten als die britische. Das fördert weder Gemeinsinn noch Zusammenhalt.

Axel Weber zieht zurück: Muss wirklich ein Deutscher nächster EZB-Chef sein?

Hat hier jemand etwas gegen den Franzosen Trichet, der ein vorzüglicher Chef gewesen ist? Dass es ein Deutscher sein muss, hängt vom Grad unseres Nationalismus ab. Ansonsten sind alle Zentralbanker (Ausnahme: Greenspan und Bernanke in den USA) gleich: Sie verstehen sich als Hüter der Finanzdisziplin, sind also irgendwie „deutsch“. Das Problem Weber/Merkel ist der Clash zweier Persönlichkeiten. Der eine ist mitteilungs- und temperamentsstark, die andere ab- und gehorsamserwartend. Wenn einer drängt, die andere bremst, lacht ein Dritter, wahrscheinlich Mario Draghi, der Chef der Banca d’Italia.

Ein Wort zum Außenminister …

Guido W. will nicht, dass in Ägypten der Wandel hinausgezögert werde. Andererseits müsse der dem „inneren wie auch äußeren Frieden verpflichtet sein“. Die Demonstranten und Generäle gehen jetzt in sich, und so wird alles gut.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben