Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Libyen vor der Spaltung sehen, aber Guttenberg noch nicht als reuigen Sünder

Zwei Amerikaner sterben in Deutschland durch einen islamistischen Terroranschlag. Was tun gegen blitzradikalisierte Einzeltäter?

In Prinzip so wenig wie gegen alle, die aus dem Muster fallen: den Amokläufer oder den Killer, der plötzlich aus Gier oder Rache mordet. Andererseits hinterlassen zumal islamistische Täter gern Spuren im Netz, um sich zu brüsten. Gerade die Flughafensicherheit müsste sich um Leute kümmern, die im Sicherheitsbereich arbeiten. Und die Anti-Terror-Kräfte sowieso. Trotzdem muss man herausfinden, ob der Mann nicht doch Hintermänner oder Einflüsterer hatte. Von nix kommt nix.

Muammar Gaddafi schlägt zurück. Wird aus Libyen ein zweites Somalia?

Dort gab’s General Aidid und viele andere, die ihr Herrschaftsgebiet zu sichern suchten. Libyen ist heute nur zweigeteilt: in den Rebellen-Osten und den Gaddafi-Westen (mit 70 Prozent der Bevölkerung). „Somalia“ ist aber das richtige Stichwort. Die US-geführte Intervention scheiterte kläglich. Das lähmt den Willen heute. Eine Flugverbotszone wäre kein Spaziergang. Wer Gaddafis Luftwaffe festnageln will, muss die Flugabwehr, Versorgungskette und die Leitzentralen ausschalten. Das wäre ein richtiger Luftkrieg – wie im Irak und in Serbien. Ob nach dem Sieg nur Demokraten übrig bleiben, wissen wir nicht. Es sieht nach Spaltung aus.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten. Wann kommt er wieder?

Dass er wiederkommt, ist die Meinung der schwatzenden Klasse, also auch von „WmdW“. Ob, hängt von seiner Strategie ab. Ein klares Schuldbekenntnis hat er nicht abgelegt. Das wäre der erste Schritt zur Rehabilitierung gewesen. Hernach, das wissen wir aus der Bibel, müsste Reue & Buße kommen, sagen wir: Sozial- oder Wohlfahrtsarbeit. KT ist intelligent genug, um das Reinigungsritual zu kennen. Jung genug ist er auch. Bill Clinton hat diese Aufgabe glänzend bewältigt. Heute darf er wieder übers Wasser wandeln. Denn niemand wird mehr geliebt als der reuige Sünder.

Ein Wort zur Außenpolitik...

Heute mal zur gesamten westlichen Außenpolitik, die sich darin überbietet, Gaddafi zu geißeln. Nicht nur Guido W., sondern auch Obama: „Die USA und die ganze Welt sind empört...“ Diese Welt hat freilich auch Libyen in den UN-Menschenrechtsrat und Gaddafi zum Chef der Afrikanischen Union gewählt. Über den gefeierten Staatsgast in Rom und Paris wollen wir höflich schweigen. „Hochverrat“, dozierte Talleyrand, „ist eine Frage des Datums.“ Empörung auch. Zählen wir trotzdem nach, wie viele Menschen Gaddafi ermorden ließ, nach 42 Jahren ist die Liste sehr lang. Der Mann ist schlecht, die Welt nicht immer gut.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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