Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Japan bewundern, Gaddafi im Vorteil und Deutschland isoliert sehen

Japan nach der Katastrophe: Wird das Land wieder auf die Beine kommen?

Natürlich. Wir schreiben jetzt einen Aufsatz zu „Fluch und Segen der Technik“. Die hat zusammen mit den Zerstörungs- auch die Erholungskräfte vermehrt. Siehe Japan nach Hiroshima/Nagasaki und dem „Feuersturm“ über Tokio mit mehr als 100 000 Toten. Bald danach war Japan das China der sechziger Jahre – mit doppelstelligem Wachstum. Heute produzieren 126 Millionen Japaner so viel wie 1,3 Milliarden Chinesen. Siehe auch „Wirtschaftswunder, deutsches“. WmdW bewundert die Japaner ob ihrer disziplinierten Besonnenheit im Angesicht des Tsunami-Terrors.

Schwarz-gelbes Atommoratorium:

Wie populistisch ist die Regierung?

Sehr! Wenn sie ehrlich wäre, würde sie dem Wahlvolk die Wahrheit sagen: dass man nicht einfach sieben Akws vom Netz nehmen kann, ohne mit dem Gesetz zu kollidieren und Strom aus dem Ausland zu importieren – auch Atomstrom aus Frankreich. Steigende Strompreise sind auch kein Balsam für die Wackelkonjunktur. Wind und Sonne sind ferne Zukunftsmusik. Also müssen Kohlekraftwerke her, die mächtig CO2 ausstoßen. Lavieren ist nicht regieren.

UN-Sicherheitsrat gegen Libyen: Wird Gaddafi so entmachtet werden können?

Nein, jedenfalls nicht, wenn man die Geschichte zu Rat zieht. Die Schurken – Hitler, Pol Pot, Saddam – mussten erst niedergekämpft werden. Außerdem steht das UN-Mandat dagegen. Es erlaubt weder Bodentruppen noch Gaddafi-Sturz, sondern nur den „Schutz von Zivilisten“ und die „No-fly-zone“. Das heißt: Die Interventionsmächte können Gaddafis Flugzeuge zwar grundsätzlich abschießen, seine Bodentruppen nebst schwerem Gerät aber nur attackieren, wenn „Zivilisten von Angriffen bedroht“ sind. Ergo: Wenn Rebellen und Regierungstruppen auf offenem Feld kämpfen, dürfen sich die Mächte nicht einmischen. Also Vorteil Gaddafi. Oder ein langer Binnenkrieg. Oder eine neue Resolution.

Ein Wort zur Außenpolitik ...

Die wiedergutgewordenen Deutschen fahren gern schweres moralisches Geschütz auf, besinnen sich aber schnell auf selbstische Interessen, wenn geschossen werden muss. Dann ist es den Berlinern auch egal, in welche Gesellschaft sie geraten – in die von China und Russland, die sich ebenfalls der Stimme enthielten, als der Sicherheitsrat „alle notwendigen Mittel“ gegen Gaddafi absegnete. Der verspricht nun den Deutschen die besten Geschäfte als Belohnung. Und die Linke lobt die Koalition. Früher hieß es: „Viel Feind, viel Ehr.“ Heute: „Niemandem wehtun, am wenigsten sich selber.“ Wenn Berlin doch wenigstens finassiert hätte – Ja zur Resolution, aber mit Verweis auf GG und Bundestag Nein zum Eingreifen –, wär’s nicht ganz so peinlich gewesen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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