Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

NL-Wohnwagen verbannen und ohne Außenminister weiterleben

Die Migranten und der Schengen-Raum: Ist die Reisefreiheit in Europa bedroht?

Grenzkontrollen, gerade deutsche, gab es schon immer, wenn auch „schleiermäßig“ und hinter der Grenze. Aber: Warum nicht die Reisefreiheit bremsen? Bedenken wir die Vorteile. Dann gäbe es weniger NL- und DK-Wohnwagen auf deutschen Straßen, es würden sich mehr Deutsche im Harz und im „nahen Ausland“ namens Saxony-Stop tummeln, um dort für Wachstum zu sorgen. Wir Bessergestellten hätten St. Tropez und Venedig wieder für uns; Malle wäre wieder Mallorca. Freuen könnten sich auch die Grünen, die Fernreisen ohnehin nicht schätzen. Und die Rechten könnten sich als Drittwelt-Freunde aufspielen: „Afrika den Afrikanern!“

Deutschlands Wirtschaft wächst und wächst. Wird der Zahlmeister der EU nun noch stärker zur Kasse gebeten?

Merkel sollte Kraft zur Ehrlichkeit haben: Niemand hat vom Euro so profitiert wie die Deutschen. Plötzlich konnten Frankreich, Italien etc. nicht mehr schneller abwerten als sie inflationierten; folglich stiegen ihre Arbeitskosten und Exportpreise, folglich wurden sie weniger wettbewerbsfähig, folglich das neue deutsche Exportwunder, das von der Nachfrage aus dem Ausland lebt. Oder so: Ohne Euro wäre die DM in den Himmel gestiegen – mit entsprechenden Verlusten für die Wirtschaft. Verdient haben sie es zwar nicht, aber wer den Griechen hilft, hilft sich selber.

John Demjanjuk wurde verurteilt. Wie wichtig war der Prozess für die deutsche Vergangenheitsbewältigung?

Wie den Tod von Zehntausenden sühnen? Es ist zwar richtig, dass nicht einmal zehn Prozent aller aufgenommenen Fälle abgeurteilt wurden, aber dass die Westdeutschen diesen Weg überhaupt beschritten haben, unterscheidet sie von der DDR („Der Kapitalismus war schuld!“) und Österreich („Wir waren die ersten Opfer des Faschismus.“). Hätte sich die Bundesrepublik nicht ihrer Vergangenheit gestellt, wäre der Weg in die Demokratie bestimmt nicht so glücklich verlaufen. Denn wie unser alle Onkel Sigmund schon wusste: Was verdrängt wird, kommt wieder.

Ein Wort zum Außenminister …

Wer über die Pensionierung von Guido W. spekuliert, läuft in die falsche Richtung. Richtig wäre es, so zu räsonieren: Wenn wir keine Außenpolitik mehr haben (siehe Libyen und die Ohne- uns-Doktrin), brauchen wir auch keinen Außenminister mehr. Staatsbesuche absolviert der Bundespräsident, der auch allfällige Verträge unterzeichnet; die Gipfeltreffen macht die Kanzlerin. Der Rest wird aufgeteilt zwischen Wirtschafts-, Finanz- und Entwicklungsministerium. Wer beim AA anruft, hört einen freundlichen Computer: „Für Welthandel die eins drücken, für Euro-Rettung die zwei, für Entwicklungsgelder die drei.“

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

Fragen: mos.

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