Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Kritiker mundtot machen und mit Kaffeeverkäufern konkurrieren

Barack Obama zieht aus Afghanistan ab: Hat der Krieg als Mittel im Kampf gegen Terror ausgedient?

Keine Schnell-Schlüsse! Terror ist Nicht-Krieg mit kriegsähnlichen Mitteln (Selbstmord- und anderen Bomben), die Abwehr ist es auch (Drohnen, Kommando-Aktionen), wiewohl im Zusammenspiel mit Polizei- und Geheimdiensten. In oder um Afghanistan werden auch nach dem Abzug Sockel der Militärmacht bleiben – als Abschreckung und Eingriffspotenzial. Gescheitert sind die größeren Ambitionen: Demokratie und „Nation building“. Das hätten wir uns denken können: Es gibt keine afghanische Nation. Sie kommt nur im Kampf gegen fremde Eindringlinge zustande; sind die weg, zerfällt das Land wieder in ein labiles Gemenge von Warlords und Stämmen.

Ai Weiwei ist frei und in dieser Woche kommt Chinas Ministerpräsident nach Berlin. Gibt es einen Zusammenhang?

„Frei“ ist übertrieben. Der Mann ist sozusagen auf Kaution draußen, aber unter „Stadtarrest“; er darf Peking nicht ohne Erlaubnis verlassen. Mit der Presse darf er auch nicht reden. Das Regime hat also sein Ziel erreicht. Der internationale Druck (nicht bloß der deutsche) lässt nach, aber Ai Weiwei musste sich verpflichten, den Mund zu halten. Kritisiert er weiter, geht es wieder ins Gefängnis. Eine sehr „chinesische“ Lösung: taktische Frontbegradigung, taktischer Gewinn. Der schlimmste Kritiker ist erst einmal mundtot, und der Rest der Welt gibt vorerst Ruhe.

Mario Draghi wird EZB-Chef. Ist der Euro bei dem Italiener in guten Händen?

Nach dieser Logik wäre auch Jean-Claude Trichet kein guter Währungshüter gewesen, ist doch Frankreich berühmter für seinen Grand Cru als seine Finanzdisziplin. Draghi hat am M.I.T. bei den Besten der Ökonomie gelernt; er ist ein gänzlich „unitalienischer“ Geldmanager, also in der „deutschen“ Stabilitätstradition. Außerdem gilt: Wo man steht, hängt davon ab, wo man sitzt. Die Treue zur Institution ersetzt die Treue zur Nation und ihren unrühmlichen Traditionen. Allerdings würde „WmdW“ nicht Berlusconi zum EZB-Chef machen.

Ein Wort zum Außenminister …

Der macht jetzt wieder große Politik, und zwar im größten Land Afrikas, im Sudan, der demnächst, weil geteilt, viel kleiner wird. Am 9. Juli wird der Süd-Sudan seine Unabhängigkeit erklären, mit Juba – bislang zu Recht weltweit unbekannt – als Hauptstadt. Guido W. will Geburtshelfer sein, kommt aber zu spät. Öfter als jeder Außenminister war der Nespresso-Verkäufer George Clooney im Sudan zu Besuch, um Hilfe für Darfur zu mobilisieren. Eine aufregende Perspektive: Alle Außenminister dieser Welt nehmen eine Auszeit, und die Hollywood-Stars übernehmen das Geschäft. Zumindest wirken sie glaubwürdiger, und fotogener sind sie sowieso.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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