Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Amerikas Schicksal Teetrinkern und Buchhaltern überlassen

Die Ägypter können es selber kaum glauben: Mubarak steht/liegt vor Gericht. Ist die Revolution damit abgeschlossen?

Das „Nein“ könnte klarer nicht sein. Vor Gericht liegt ein Sterbenskranker, nicht die Tyrannei, die Ägypten seit der Vertreibung von König Faruk vor sechzig Jahren beherrscht: Naguib, Nasser, Sadat, Mubarak. Die Macht im Staat ist immer noch die alte: die Armee und der militär-industrielle Komplex, wiewohl neuerdings mit einem Quantum Muslimbruderschaft und Demonstranten. Eine echte Revolution wäre der Machtwechsel vom Regime zum Volk. Der wird so schnell nicht kommen. Die Verurteilung oder Hinrichtung von Mubarak wäre Ersatzhandlung und/oder Ablenkung.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat die USA zum ersten Mal in deren Geschichte herabgestuft. Der Anfang vom Ende Amerikas?

Das Downgrading ist von „AAA“ auf „AA+“, also von 24 auf 23 Karat. „WmdW“ würde bedenkenlos US-Bonds kaufen. Tut er aber nicht, weil die (nach Kommission für Kauf und Verkauf) praktisch keine Zinsen bringen. (Italien bringt 6,5 Prozent.) Was heißt, dass die bösen, bösen Märkte keinen Risikozuschlag für US-Schuldscheine fordern. Was auch absurd wäre. Die Staatsschulden machen 100 Prozent vom BIP aus; Italien und Japan würden bei einer solchen Niedrigquote jubeln. Für den Schuldendienst muss Washington nur 2,5 Prozent des BIP aufbringen – was die echten Krisenländer zum Champagner greifen ließe. Aber eines ist jetzt sicher: Standard & Poor’s, das bislang nur Euro-Länder gequält hat, kann nicht mehr als Agent des US-Imperialismus verteufelt werden.

Die Amerikaner hatten sich im Schuldenstreit immerhin geeinigt. Ist die Tea Party nun salonfähig?

Auf eine bizarre Weise schon – in unheiliger Allianz mit den Ratingagenturen. Denn diese zweifeln nicht an der Kreditwürdigkeit der USA, sondern am politischen System insgesamt. S&P argumentiert mit der „gesunkenen Fähigkeit der amerikanischen Politik“, die „finanz- und steuerpolitischen Herausforderungen“ zu bewältigen. Das glaubt auch die Tea Party, bloß sind die Ankläger Teil des Problems, weil sie mitten im Kongress sitzen und eine vernünftige Fiskalpolitik blockieren. Eine hübsche Vorstellung: Amerikas Schicksal in den Händen von Teetrinkern und Buchhaltern.

Ein Wort zur Außenpolitik …

„WmdW“ tankt gerade Oper in Salzburg, wo sie alle höchst respektvoll über die Ober-Besucherin Merkel reden. Niemand, der nicht in gebeugter Haltung an ihre Seite drängte – von der Diva bis zum Großdirigenten. Was die Bibel-Weisheit bestätigt: Der Prophet muss nur das eigene Land verlassen und schon liegt ihm das Volk zu Füßen. In diesem Fall sind es nur ein paar Kilometer. Und die Eingeborenen sprechen sogar recht passables Deutsch.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: as

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